Disembodiment
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die kognitive Repräsentation des eigenen Körpers wird in neuerer Forschung als flexibel und dynamisch beschrieben. Diese theoretische Konzeptualisierung wird gestützt von einigen bemerkenswerten Beobachtungen wie etwa der “Rubber Hand Illusion”. In der aktiven Variante dieses Experimentalaufbaus wird eine Gummihand durch eigene Bewegungen gesteuert, wobei sich unter entsprechenden experimentellen Bedingungen das Gefühl einstellt, die Hand wäre Teil des eigenen Körpers. Diese Beobachtungen zeigen, dass das Körperschema flexibel erweitert werden kann, indem externale Entitäten verkörpert werden (“Embodiment”). Zu einer dynamischen Repräsentation des Körpers gehört jedoch auch, vorher verkörperte Entitäten wieder aus der Körperrepräsentation herauszulösen („Disembodiment"). Aktuelle Theorien sind hierbei für Embodiment weit entwickelt und erklären den Prozess vor allem durch multisensorische Integration. Der komplementäre Prozess des Disembodiment ist bisher hingegen weder empirisch noch theoretisch durchdrungen worden. Das durchgeführte Projekt zielte daher spezifisch auf das Disembodiment von Entitäten ab, die kurz zuvor in das Körperschema integriert worden waren. Das dynamische Zusammenspiel von initialem Embodiment und anschließendem Disembodiment wurde hierbei sowohl mit physikalischen als auch virtuellen Varianten der Rubber Hand Illusion realisiert. Nach Hervorrufen der entsprechenden Illusionen haben wir Disembodiment untersucht, indem wir unsere Probanden unterschiedlichen sensomotorischen Erfahrungen aussetzten. Das zentrale Ergebnis dieser Untersuchungen: Wenn Embodiment nicht kontinuierlich verstärkt wird setzt umgehend graduelles Disembodiment ein, sodass die verkörperte Entität Schritt für Schritt aus der Körperrepräsentation verschwindet. Werden zudem sensomotorische Erfahrungen gemacht, die dem Embodiment aktiv widersprechen, so setzt Disembodiment abrupt und vollständig ein. Die Ergebnisse zeigen zudem Randbedingungen auf, die entweder eine flexible oder eine stabile Verkörperung bedingen, was wichtige Impulse für angewandte Ansätze gibt, die je nach Kontext von möglichst stabilem Emobdiment oder von einem schnell veränderbaren Körperschema profitieren. Beispiele sind die Entwicklung von Prothesen, bei denen möglichst nachhaltiges Embodiment wünschenswert ist oder die Immersion in virtuellen Umgebungen, die von schneller Adaptation profitiert.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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How to lose a hand: Sensory updating drives disembodiment. Psychonomic Bulletin & Review, 28(3), 827-833.
Pfister, Roland; Klaffehn, Annika L.; Kalckert, Andreas; Kunde, Wilfried & Dignath, David
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Instant disembodiment of virtual body parts. Attention, Perception, & Psychophysics, 84(8), 2725-2740.
Eck, Julia; Dignath, David; Kalckert, Andreas & Pfister, Roland
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Bound by Experience: Updating the Body Representation When Using Virtual Objects. Human Factors: The Journal of the Human Factors and Ergonomics Society, 67(2), 115-140.
Eck, Julia & Pfister, Roland
