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Nicht-gegenstandsgerichtete Intentionalität: Tendenz und Affekt

Fachliche Zuordnung Theoretische Philosophie
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 446126658
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im Alltag verstehen wir den Begriff der Intention meistens als gleichbedeutend mit ‚Absicht‘. Der philosophische Begriff ‚Intentionalität‘ ist jedoch breiter in seiner Bedeutung und bezieht sich auf eine Grundstruktur des Bewusstseins, nämlich seine Gerichtetheit auf etwas. Bewusstsein ist in diesem Sinne ‚Bewusstsein von etwas‘. In der Regel ist damit zugleich gemeint, dass Bewusstsein ‚Bewusstsein von Gegenständen‘ ist. Zum Beispiel: Anne erinnert sich an ihren Freund Pierre. Paula freut sich, weil ihre Schwester Katrin sie überraschend besucht hat. Peter sieht eine Tasse auf seinem Tisch usw. Diese und ähnliche Beispiele beschreiben sehr gewöhnliche Erfahrungen, bei denen wir tatsächlich auf bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte gerichtet sind. Doch können wir davon ausgehen, dass dies immer der Fall ist, d.h., dass unsere bewusste Aktivität immer eine Richtung auf etwas Bestimmtes hat? Dieses Projekts ging dieser Frage nach und untersuchte unterschiedliche Formen der Intentionalität, die zwar offen für etwas sind, aber keinen bestimmten Gegenstand oder Sachverhalt fokussieren. Man denke zum Beispiel an die folgenden Szenarien: Annes Freund Pierre spricht mit ihr über das Pariser Café de Flore, einen Ort, den sie selbst noch nie besucht hat. Während er spricht, assoziiert sie vage Bilder mit seinen Worten. Paula bemerkt in der Ferne eine verschwommene Gestalt, die sie instinktiv anzieht und sie dazu bringt, sich ihr zu nähern, um herauszufinden, was es ist. Katrin lernt für eine Prüfung, verspürt aber gleichzeitig den Drang, wegzugehen und woanders zu sein, ohne genau zu wissen, wohin. Peter arbeitet als neugieriger Forscher an einem Projekt und verfolgt verschiedene zerstreute Ideen, hat jedoch noch nicht herausgefunden, worauf sich seine Fragestellung konzentrieren wird. In all den zuletzt beschriebenen Fällen handelt es sich um intentionale Tätigkeiten, auch wenn von Anfang an nicht klar ist, worauf sie gerichtet sind. Diese Fälle umfassen Momente des tastenden Erkundens und sind durch offene sowie unbestimmte Formen der Intentionalität gekennzeichnet. In diesem Projekt wurden verschiedene Formen der offenen und nicht auf bestimmte Gegenstände gerichteten Intentionalität untersucht. Die Ergebnisse des Projekts konnten zeigen, dass diese Intentionalitätsformen den Charakter einer Tendenz auf etwas hin haben und eng mit unserem affektiven Leben verknüpft sind. Die Vertiefung dieser Verknüpfung ergab ferner, dass die Fokussierung auf bestimmte Gegenstände dynamisch aus Modifikationen dieser Formen der offenen und unbestimmten Intentionalität entsteht. Diese Forschungsresultate haben gezeigt, dass der intentionale Bezug zu etwas Unbestimmtem nicht als Defizit zu verstehen ist, sondern ein positives Moment in der Entwicklung von Erkenntnis, in der Bildung von Handlungsabsichten sowie in der Gestaltung des emotionalen Lebens von Individuen und im sozialen Miteinander darstellt. Impulse zur Untersuchung dieser Phänomene nahm dieses Projekt vor allem aus der Phänomenologie, einer philosophischen Forschungsrichtung, die sich im 20. Jahrhundert im ständigen Austausch mit der Psychologie entwickelt hat. Im Rahmen dieses Projekts wurde diese Tradition produktiv mit Ansätzen aus anderen philosophischen Traditionen sowie mit anderen Disziplinen wie Psychologie und Psychoanalyse in einen Dialog gebracht. In diesem Sinne erweisen sich die Ergebnisse dieses Projekts als bedeutend für ein besseres Verständnis der Vielfalt, der Dynamik und der Komplexität der menschlichen Erfahrung.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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