Scham als performativer narrativer Affekt in automedialen Praktiken britischer Autor_innen mit „Behinderungen“ und „psychischen Leiden / Belastungen“
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt untersuchte Scham als mehrdeutigen intertextuellen und relationalen narrativen Affekt, der seine Wirkung in zeitgenössischen (1981-2023) verbalen, grafischen, audiovisuellen und Social-Media-Formen des autobiografischen Schreibens und Erzählens sowie zwischen Texten, Epitexten, Schreib-, Zeichen-, Performance- und Rezeptionspraktiken entfaltet. Es untersuchte Werke von weiblich identifizierten, oft debütierenden britischen und indischen Autorinnen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Behinderungen, chronischen Erkrankungen und psychischen Leiden. Die narrative Ästhetik der Scham und Beschämung, die sich diese Autorinnen zu eigen gemacht haben, umfasst die Wahl des schambezogenen (bzw. angeblich „schamlosen“) Genres des weiblichen autobiografischen Schreibens und mündlichen Erzählens, die explizite, ubiquitäre Zitierung und kritische Umdeutung disableistischer und sexistischer Sprechakte, objektivierender Praktiken und pathologisierender Labels sowie die Verwendung feministischer Strategien des oversharing von stigmatisierten, tabuisierten Themen und Erfahrungen (von medizinischen Diagnosen, graphischen Details erkrankter, behinderter Körper, Suizidalität, psychischen Leiden, Mobbing, Psychologisierung). Meine Analyse zeigt, dass die meist retrospektiv erzählten, formal hybriden, oft unterschiedliche Register umfassenden, interdiskursiven, polyphonen und fragmentarischen Erzählpraktiken Scham und Beschämung als komplexe narrative Strategie bzw. Ästhetik einsetzen. Sie funktionieren durch Scham als narrative Ästhetik, anstatt (wie zuvor in der Forschung behauptet) Schamerfahrungen auszusparen oder direkt zu überwinden. Als narrative Strategien erzeugen Scham und Beschämung kontingente Verschmelzungen von Affekten und Reflexionsprozessen (Wut, Empörung, Trauer, Ekel, Selbsthass, Neugier, Überraschung, Kühnheit, Liebe, Vergnügen, Hoffnung, Akzeptanz, Solidarität, Widerstand gegen Scham / schaminduzierende Normen und Labels, Praktiken des „Zurück-Schämens“), die Ereignisse, „Pathos-Szenen“ und Handlungsverläufe durchdringen. Als am wirkungsvollsten im Hinblick auf den Kampf gegen Stigmatisierung erwiesen sich diejenigen affektiven Transformationen, die ableistische und sexistische Normen sowie kapitalistische Vorstellungen von Produktivität kritisch erkunden und dekonstruieren, die alternative Wissensformen und multiple Wirklichkeitskonzepte generieren sowie Behinderung, Interdependenz, Nicht-Normativität, Krankheit und psychische Differenz als universelle, nicht-essentialistische Erfahrungen konzeptualisieren. Problematischer wirken hingegen narrative und mediale Praktiken von Scham als individualisierendes, sensationslüsternes Spektakel, die (oft unbewusst) pathologisierende Labels und Normen tradieren.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Disability-Aktivismus und Social Media. Technikzukünfte, Wissenschaft und Gesellschaft / Futures of Technology, Science and Society, 143-165. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Röder, Katrin
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Materiality, Affectivity and the Female Disabled Body in Contemporary Automedial Art. Literary Materialisations and Interferential Reading, 215-230. Routledge.
Röder, Katrin
