Das vor der Herbst-Wanderung gezeigte Flugverhalten bei einem Singvogel – Die räumlich-zeitliche Charakteristik und mögliche verzögerte Fitnesskonsequenzen
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Viele wandernde Singvögeln führen bemerkenswerte physiologische und Verhaltensveränderungen im Brutgebiet während des Übergangs hin zur Herbstwanderung durch, z. B. die Umstellung vom nächtlichen Schlafen hin zum nächtlichen Wanderflug. Bereits während dieses Übergangs zeigten junge Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus) nächtliche Flüge. Über die Häufigkeit, die räumliche und zeitliche Ausdehnung und den Zweck solcher nächtlichen „prä-migratorischen Flüge“ ist wenig bekannt. Wir schlagen fünf Gründe für dieses Verhalten vor: 1) das Üben des nächtlichen Fliegens, 2) das Üben des Einschätzens meteorologischer Bedingungen in der Luft, 3) das Üben geeignete Rastgebiete in der Nacht auszuwählen, 4) das Einschätzen von Orientierungshinweise und Üben von Orientierungsfähigkeiten, und 5) das Erstellen magnetischer und/oder landschaftlicher „Karten“. All diese mögen der Vorbereitung auf den Herbstzug oder auf die Rückkehr in das Brutgebiet dienen. Wir untersuchten diese Wissenslücken, indem das Flugverhalten von juvenilen und adulten Steinschmätzern (Oenanthe oenanthe) mit Hilfe von Radiosendern und eines regionalen Netzwerkes von Empfangsstationen in Nordwestdeutschland aufgezeichnet wurde. Wir besenderten 259 juvenile und 108 adulte Steinschmätzer auf der Insel Norderney. Beide Gruppen zeigen prä-migratorische Flüge, wobei Jungvögel mehr und längere Flüge durchführen, was deutet darauf hin, dass sie die Flüge intensiver üben als Altvögel. Etwa 80 % der Jung- und 60 % der Altvögel führten prä-migratorische Flüge durch, was seltener bzw. häufiger war als erwartet. Wir untersuchten, wie konsistent Verhaltensmerkmale im Zusammenhang mit prä-migratorische Flügen innerhalb der Nester waren. Das Vorhandensein/die Abwesenheit, die Gesamtzahl der Flüge pro Nacht, die Flugdauer und der Zeitpunkt der Flüge variierten innerhalb und zwischen den Nestern beträchtlich, wobei die Wiederholbarkeit gering eingeschätzt wurde (R < 0,35). Wir vermuten, dass der genetische Einfluss auf die Merkmalsausprägung gering ist. Dies wird durch unsere Experimente mit gekäfigten Steinschmätzern bestätigt. Handaufgezogene Nestlinge weisen kein konsistentes bzw. starres Muster nächtlicher Zugunruhe auf. Generell wurde aber die nächtlichen Zugunruhe zu gleichen Zeiten innerhalb der Saison durchgeführt wie die prä-migratorischen Flügen in der Natur. Wir zeigen, dass die prä-migratorischen Flüge nicht nur für eine bestimmte Art oder Altersklasse typisch sind, sondern wohl ein generelles Verhalten sind. Die Umsiedlung von Tieren gilt als eine wichtige Maßnahme, um das Aussterben bedrohter Arten zu verhindern. Es scheitert jedoch, weil die Tiere nicht dortbleiben, wo sie ausgesetzt wurden. Die Erforschung der Art und Weise, wie Tiere lernen oder definieren, wo ihr Zuhause ist, ist daher von entscheidender Bedeutung, um Umsiedlungen richtig zu terminieren und folglich den Verlust der biologischen Vielfalt einzudämmen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Pre-migratory flights in migrant songbirds: the ecological and evolutionary importance of understudied exploratory movements. Movement Ecology, 11(1).
Züst, Zephyr; Mukhin, Andrey; Taylor, Philip D. & Schmaljohann, Heiko
