Kommensurierungsprozesse auf Finanzmärkten
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Welche Faktoren treiben die Dynamik des modernen Finanzsystems? Neben Faktoren wie technologischer Innovation, politischer Deregulierung und ubiquitärem Profitdruck kann man soziologisch Tendenzen der Kommensurierung erkennen, d.h. der Verschaltung und Vergleichbarmachung von Elementen, die vorher unzusammenhängend und unvergleichbar waren. Das moderne Finanzsystem ist dadurch entstanden, dass ganz verschiedenartige Werte, Instrumente, Märkte unter dem Dach gemeinsamer Kategorien zusammengeführt, mit allerlei Techniken vergleichbar gemacht und zu immer dichteren Netzen von Interrelationen, Korrelationen, Äquivalenzen, Paritäten usw. verwoben wurden. Ausgehend von diesem Hintergrundverständnis wurden in diesem soziologischen Forschungsprojekt mehrere Teilfragen untersucht: 1. Vergleichstechniken auf Finanzmärkten, 2. Verhältnis von Finanzsystem und Monetärsystem, 3. Ansätze der Finanzmarktregulierung. 1. Vergleiche von Finanzwerten sind hochkomplex und werden von professionellen Akteuren mit hoher Raffinesse und großem Radius durchgeführt. Eine wichtige Technik – oder Hintergrundtechnik, logische Struktur im Hintergrund – ist dabei das reflexive Vergleichen, oder der Vergleich von Vergleichen. Bei solchen Meta-Vergleichen werden Elemente nicht direkt und eins zu eins miteinander verglichen, sondern es werden zuerst Vergleichsserien von Elementen erstellt und dann auf der nächsten logischen Ebene Vergleichsserien und die ihnen zugrundeliegenden Vergleichsprinzipien verglichen und in Relation zueinander gesetzt. Das erlaubt eine Ausweitung des Radius und des Abstraktionsniveaus von Vergleichen und trägt mit zu der von außen quasi undurchdringlichen Hermetik und „Esoterizität“ des Finanzsystems bei. 2. Innerhalb des Finanzsystems – oder neben dem Finanzsystem? – gibt es eine geschützte und überdurchschnittlich streng regulierte Nische des Monetärsystems oder Bankensystems. Dieses ist traditionell strenger reguliert und mit stärkeren Auflagen von staatlicher Seite und souveränen Instanzen (Zentralbanken) belegt als die „freien“ Finanzmärkte, wo Marktkräften ihr Wirkungs- und Geltungsspielraum zugestanden wird, denn „Geld“ und „monetäre Stabilität“ gelten als schützenswerte und stabilisierungsbedürftige Errungenschaften des Wirtschaftssystems insgesamt. Diese Dualität ist aber mit dem Aufstieg von Schattenbanken ins Wanken gekommen. Im Schattenbanksektor geschieht faktisch dasselbe wie im Monetär- oder Bankensektor, nämlich das Hantieren mit kurzfristigen Liquiditätsinstrumenten, also Geldpark- oder Geldleihinstrumenten, nur ohne das Label „Geld“ und ohne die daran hängende Bankenregulierung. Das Finanzsystem hat sich an das Monetärsystem „herankommensuriert“. Das stellt Regulatoren vor neue Probleme und führt manche (kritische, post-keynesianische) Ökonomen dahin, die Abschaffung der kategorialen Unterscheidung von Banken und Schattenbanken und deren Zusammenführung in ein neues Regulierungssystem zu fordern. 3. Regulatoren haben angesichts der Kommensurierungstendenzen des Finanzsystems die Wahl zwischen zwei gegensätzlichen Strategien. Grob gesagt können sie entweder auf Dekommensurierung setzen, also auf das Getrennthalten bestimmter Sektoren, Märkte, Akteure, im Sinn des Schaffens geschützter Nischen, wie es im US-Trennbankensystem der Fall war oder in einem vorgeschlagenen Vollgeldsystem der Fall wäre. Oder sie können mit „überholender“ regulatorischer Kommensurierung reagieren, wie in dem erwähnten post-keynesianischen Vorschlag, Banken und Schattenbanken kategorial und regulatorisch gleichzubehandeln. Die Betrachtung konkurrierender Regulierungsansätze mit diesem soziologischen Begriffsfokus setzt diese in eine interessante Querbeleuchtung.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Where does money come from? The dual circuit of money creation. Social Science Information, 61(2-3), 217-244.
Kuchler, Barbara
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The boundary contest that never was: Shadow banking and the relation between monetary system and financial system. Social Science Information, 62(3), 264-294.
Kuchler, Barbara
