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Kleine Ruhmesblätter. Robert Walsers Porträt- und Nachrufgedichte in der deutschsprachigen "Prager Presse"

Fachliche Zuordnung Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Publizistik und Kommunikationswissenschaft
Förderung Förderung von 2020 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 453178848
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Ab 1927 erschienen zahlreiche Porträt- und Nachrufgedichte des Schweizer Autors Robert Walser im Feuilleton der deutschsprachigen Prager Presse. Sie sind Zeugnisse journalistischer Kasuallyrik zu Jubiläen, Geburts- und Todestagen. Lange wurden sie im Musterkatalog des Dilettantismus verbucht. Die vorliegende Arbeit liest dagegen Walsers Adaptionen von Hymne, Widmungsgedicht und Nachruf als genrespezifische Testfälle des Feuilletons der Zwischenkriegszeit. Im Zentrum stehen exemplarische Analysen von Gedichten über Autoren wie Rilke, Stifter, Trakl, Brandes, Harden und Hamsun. Diese Gedichte sind nicht nur Lückenfüller, sondern sie verstoßen im ambivalenten Grenzgang zwischen Spottvers und Lob strategisch gegen Konventionen der zeitgenössischen Ruhm- und Denkmalsetzung. Erstmals werden Walsers späte Porträt- und Nekrolog-Gedichte auf den redaktionellen Gestaltungsrahmen der Prager Presse bezogen. Diese galt als internationales Sprachrohr des Außenministeriums der ČSR und hatte ihrerseits einen Balanceakt zu vollziehen: zwischen dem Selbstverständnis einer linksliberalen Stimme des Friedens im „Neuen Europa“ Masaryks und der kulturellen Einhegung deutschsprachiger Minderheiten. Das mit dem Titel „Kleine Ruhmesblätter“ formulierte Erkenntnisinteresse gilt zum einen der redaktionellen Funktion von Zeitungsgedichten, den Kleinstformen des tagesaktuellen Feuilletons; zum anderen der ästhetischen Distanz und ambivalenten Selbststilisierung eines lesenden ‚Ich‘ zum stets lobpreisenden Verseschmied, der die Regeln des zeitgenössischen Jubel-, und Abschiedsjournalismus aufnimmt und zugleich ironisch durchbricht. Die Perspektive der – durch Archivarbeiten in Bern, Berlin und Prag gestützten – Analysen wird jeweils neu ausgerichtet. Sie gilt a) intertextuellen Bezügen und Bildtraditionen der Gedichte; b) dem diskursiven Stellenwert der Porträtierten im kulturellen Kontext Prags und der Schweiz; c) der paratextuellen Anordnung der Gedichte in der Literaturbeilage „Dichtung und Welt“, vor allem in den Sonderausgaben zu Jubiläums- und Todestagen. Neben Detailstudien und einem Exkurs zu Franz Bleis Porträt-Essays in der Prager Presse 1934/35 bietet die Arbeit neue Einblicke in das weitgehend noch unerschlossene Textkorpus insbesondere der Jahre 1927 bis 1929; in journalistische Debatten über Ruhm und Ruhmkritik seit Beginn des Jahrhunderts (u.a. bei Franz Blei, Herman Bang, Julian Hirsch, Emil Ludwig, Eduard Korrodi, Alfred Polgar, Paul Eisner, Karl Kraus); in das poetische Verfahren Walsers, den Zusammenhang von Reimen und Rühmen, sowie in seine (Selbst)verortung im lyrischen Journalismus (mit Bezug u.a. auf Rychner, Werfel, Kerr, Kraus). Zwei Exkurse zum „Nekrolog“ von 1924 (auf Anatole France) und zur „Grabrede“ von 1926 bezeichnen den Übergang zwischen Walsers mikrographischen Anfängen und seiner Mission als „tschechoslovakischer Attasché“.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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