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Wissenschaftliche Politikberatung zwischen epistemischer und legitimatorischer Funktion: Textprozeduren der Relevanz-, Zuständigkeits- und Verantwortungszuschreibung

Antragstellerinnen / Antragsteller Professor Dr. Armin Grunwald; Professorin Dr. Nina Janich
Fachliche Zuordnung Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, Experimentelle Linguistik, Typologie, Außereuropäische Sprachen
Praktische Philosophie
Förderung Förderung von 2021 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 453708784
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Wissenschaftliche Politikberatung erfolgt in Deutschland in unterschiedlichen institutionellen Kontexten. Wissenschaftliches Wissen soll dadurch kontextbezogen für praktische Zwecke politischer Deliberation und Entscheidungsfindung „nutzbar“ gemacht werden, also für wissenschaftsexterne Zwecke „nützlich“ sein. Auftrag und Organisationsform bedingen unterschiedliche Textproduktions- und Freigabeprozesse, und in aller Regel entstehen politikberatende Stellungnahmen in kollaborativer und interdisziplinärer Autorschaft. Dies hat Auswirkungen auf den Rückgriff auf etabliertes wissenschaftliches Wissen, die Textgestalt, den inhaltlichen wie sprachlichen Umgang mit unsicherem wissenschaftlichen Wissen, auf temporale Perspektiven, argumentative Schwerpunkte, (multimodale) Strategien der Verständlichkeitssicherung sowie nicht zuletzt auf die Abwägung zwischen Wissensund Wertfragen. Damit sind solche Texte Paradebeispiele für die strukturelle Kopplung zwischen wissenschaftlichem und politischem System: Das Verhältnis zwischen epistemischen und legitimatorischen, also dem Zweck einer „Nützlichkeit“ unterstellten Praktiken ist demzufolge auch für jeden Einzelfall neu zu bestimmen, und zwar nicht – wie angenommen – vor allem in Abhängigkeit von der verantwortlichen Institution, sondern vielmehr relativ zu Thema, gesellschaftlicher Situation und konkret beteiligten Autor:innen (d.h. auch: deren Auffassung von fachlicher Expertise und gesellschaftlicher Verantwortung). In Zeiten von Krisen mit hohem Handlungsdruck scheint z.B. die Toleranz gegenüber unsicherem Wissen größer und der produktive Umgang mit kontinuierlichem Wissenszuwachs bzw. der Revision von Evidenz on the flight flexibler zu sein als sonst, was wiederum nicht die Konflikthaftigkeit solcher Stellungnahmen im Diskurs reduziert. Welches Wissen wann und wie so zu kommunizieren ist, dass es öffentlich akzeptabel und politisch nützlich erscheint, kann daher nur von Fall zu Fall entschieden werden – nicht zuletzt deshalb erscheint die „wissenschaftliche Stellungnahme“ als extrem flexible Textsorte mit unterschiedlich ausführlichen Varianten, die völlig unterschiedliche Zielgruppen zu adressieren scheinen. Wissenschaftliche Politikberatung erfordert demnach nicht einfach „nur“ wissenschaftliche Exzellenz und praktische Expertise, sondern auch eine hohe Sensibilität von Forschenden im Blick auf polarisierende Themen, potenzielle Konfliktursachen und -auslöser sowie Akzeptanz fördernde vs. Widerspruch provozierende Kommunikationsstile. Der beständige Austausch zwischen den verschiedenen Handlungsfeldern Politik und Wissenschaft (und innerhalb!) und die gemeinsame Aushandlung von Diskursnormen als Ausdruck struktureller Kopplung verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme erscheint daher angeraten – denn wechselseitiges Vertrauen kann durch Kommunikation nicht „hergestellt“ werden, sondern wird allenfalls auf Basis von Verständigung geschenkt.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Im Dialog. Wissenschaften und ihr Publikum, Universität Freiburg.
    Grunwald, Armin
  • Nach bestem Wissen – Zum Umgang mit unsicherem Wissen im Kontext wissenschaftlicher Politikberatung. Aptum, Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, 18(2), 13-28.
    Jahaj, Dorothee & Janich, Nina
  • Translating Knowledge, Open Questions and Uncertainties into Useful Information for those outside the Field. Poster auf der 5th European Technology Assessment Conference (ETAC5 2022), Karlsruhe, 25.-27.7.2022.
    Gondolf, Janine
  • Wissenschaftliche Politikberatung in der Corona- Pandemie – eine diskursive Momentaufnahme? Vortrag auf der Sektionentagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL), Sektion Textlinguistik und Stilistik, Würzburg, 28.-30.09.2022.
    Jahaj, Dorothee
  • Wissenschaftliche Politikberatung: Transparenz und Öffentlichkeit durch Digitalität. Vortrag auf der NAT10 Kultur und Digitalisierung der TA-SWISS in Bern, 14.- 16.11.2022.
    Grunwald, Armin; Janich, Nina; Gondolf, Janine & Jahaj, Dorothee
  • Beraten und Prognostizieren. Unsicheres Wissen in der institutionellen vs. der massenmedialen Politikberatung. Fachsprache, 45(1-2), 66-84.
    Jahaj, Dorothee & Rhein, Lisa
  • Scientific Responsibility and Legitimacy in Knowledge Translation Practices? Tracing Paradigms & Expectations Regarding Scientific Policy Advice in Germany (in &) after the Cov19-Pandemic. Vortrag auf der STS-CH 2023 Conference Science, Expertise and other Modes of Knowledge: Trends, Patterns, and Prospects, Basel, 31.8.-1.9.2023.
    Gondolf, Janine
  • Tracing Scientific Responsibility, Integrity, and Legitimacy: The Case of Scientific Policy Advice. Vortrag auf dem STS-Hub.de, Aachen, 15.-17.3.2023.
    Gondolf, Janine
  • Wissenschaftliche Politikberatung in der Corona-Pandemie – eine diskursive Momentaufnahme? In: Pappert, Steffen/Roth, Kersten Sven (Hrsg.): Zeitlichkeit in der Textkommunikation. Tübingen: Narr (Europäische Studien zur Textlinguistik 24), 87-109.
    Jahaj, Dorothee
  • Wissenschaftliche Politikberatung – Wenn Wissenschaft nach Außen spricht. Vortrag in der Vortragsreihe Die Rolle der Wissenschaft in der politischen und gesellschaftlichen Debatte für Wissenschaftler:innen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
    Jahaj, Dorothee
  • Wissenschaftskommunikation auf rauer See – das Ringen mit fremden Diskursnormen. Vortrag auf der Tagung Welches Wissen (und welche Wissenschaft) braucht die Politik? Herausforderungen wissensbasierter Demokratie, Hochschule München/Praktische Philosophie, München, 16.-17.2.2023.
    Janich, Nina & Rhein, Lisa
  • Wissenschaftskommunikation auf rauer See – das Ringen mit fremden Diskursnormen. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Vertrauen und Sprache an der Universität Hamburg.
    Janich, Nina
  • ‚Nützliches‘ Wissen in der wissenschaftlichen Politikberatung?: Ein linguistisch-erkenntnistheoretisches Projekt. TATuP - Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 32(1), 63-68.
    Gondolf, Janine; Grunwald, Armin; Jahaj, Dorothee & Janich, Nina
  • Wissen für die Politik – wissenschaftliche Erkenntnis, Aushandlung, Nützlichkeit, ITAS/KIT Karlsruhe, 13./14.6.2024, Nützliches Wissen für die Politik und seine sprachliche Form.
    Janich, Nina
  • Wissen für die Politik – wissenschaftliche Erkenntnis, Aushandlung, Nützlichkeit, ITAS/KIT Karlsruhe, 13./14.6.2024, Politik- und Gesellschaftsberatung im Deutschen Ethikrat: zwischen Argumentation und Aushandlung.
    Grunwald, Armin
  • Wissen für die Politik – wissenschaftliche Erkenntnis, Aushandlung, Nützlichkeit, ITAS/KIT Karlsruhe, 13./14.6.2024, Was darf/muss/soll die Wissenschaft in der Politikberatung leisten?
    Jahaj, Dorothee
  • Wissen für die Politik – wissenschaftliche Erkenntnis, Aushandlung, Nützlichkeit, ITAS/KIT Karlsruhe, 13./14.6.2024, Was ist mit wissenschaftlicher Politikberatung gemeint? Wissenschaftlichkeitsbezüge in Wissens(ko)produktionspraktiken.
    Gondolf, Janine
  • „Unzureichende Datenlage“ – Wissenschaftliche Politikberatung in der Corona-Pandemie am Beispiel der Ad-hoc-Stellungnahmen der Leopoldina. Welches Wissen (und welche Wissenschaft) braucht die Politik?, 85-106. De Gruyter.
    Jahaj, Dorothee
 
 

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