Das Verhältnis von Musik und Tanz im Heavy Metal. Entwicklung eines Analysemodells zur situierenden Beschreibung ästhetisch-performativer Praktiken auf der Grundlage qualitativ-empirischer Erhebungen aus his-torischer und gegenwartsorientierter Perspektive
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Musik und Tanz gehören oft zusammen. Das ist im Heavy Metal nicht anders als in vielen anderen Musikgenres. Bisher wurden für den Metal charakteristische Bewegungsformen wie Headbanging und Moshing bei Live-Konzerten erforscht. Dass es darüber hinaus vielfältige weitere Metal-Tanz-Phänomene gibt, blieb jedoch unberücksichtigt, und viele Fragen zum Verhältnis von Musik, Tanz und weiteren Aspekten, z. B. Raum, Sound, Kleidung, waren ungeklärt. Das Projekt stellt die erste systematische Untersuchung zum Verhältnis von Musik und Tanz im (Heavy) Metal dar. Davon ausgehend, dass ein solches Verhältnis komplex ist, und sich Klänge, Bewegungen usw. gegenseitig bedingen, galt es, ein geeignetes Analyseinstrumentarium zu entwickeln. Ein Ergebnis des Projekts besteht daher im Bereich der Methodenentwicklung: Die aus der qualitativen Sozialforschung stammende Situationsanalyse wurde in ihrer Anwendung auf musik- und tanzforscherische Fragestellungen erprobt. Der Projektmitarbeiter Daniel Suer prägte für das Modell die Bezeichnung Sitational AfforDance Analysis: eine Kombination aus Situationsanalyse und einem musiksoziologischen Konzept, das den Aufforderungscharakter (‚affordance‘) von Musik beschreibt. Im historischen Teil des Projekts wurden Crossover-Bezüge zum Hardcore Punk nachgezeichnet, wodurch sich die Praxis des Moshing in den 1980er Jahren in deutschen Metal- Szenen verbreitete. In dem Zusammenhang kann der Beginn der Verwendung der Begriffe Moshing, Mosh und Moshpit hierzulande auf das Jahr 1986 datiert werden. In einer Fallstudie während der Corona-Pandemie wurde gezeigt, wie selbstverständlich Tanzpraktiken zur Metal-Musikwelt dazugehören. Tanzende Fans passen ihre Bewegungen zur Musik flexibel auch an außerordentliche räumliche Bedingungen an, wie sie unter Pandemiebedingungen galten. Im Rahmen des Projekts wurde erstmals detailliert beschrieben, wie bei Metal-Konzerten unterschiedliche Gruppen und Einzelpersonen teils synchron, teils abweichend voneinander diverse Tanzbewegungen ausführen. In der ersten Fallstudie zur Bedeutung von digitalen Räumen für Metal-Tanz wurden Try Not To Headbang Challenges untersucht. Dabei konnte gezeigt werden, wie Angehörige der Metal-Musikwelt bestimmte, gut bekannte Riffs als ‚Zwang‘ zum Headbangen konstruieren. Eine weitere Pionier-Fallstudie war dem Bühnentanz gewidmet. Wenn auch weniger verbreitet als die Publikumstänze, gewinnen Bühnentänze im Metal des 21. Jahrhunderts an Bedeutung und erweitern das Spektrum u. a. durch Anleihen aus Ballett und Bauchtanz und durch die Perspektiven der fast durchweg weiblichen Tänzerinnen. Der im Projekt entwickelte theoretisch-methodische Forschungsansatz und die innovativen Erkenntnisse bieten vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten für weitere Forschungen zu performativen Praktiken sowohl im Metal als auch in anderen Musikwelten.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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„(Feminist) Researcher Positionality, Self-Reflexivity, and Dance in Metal”, Feminism and Metal – an Academic Workshop, Juni 2021, Huddersfield (UK)/Online/Siegen (D)
Suer, Daniel
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„Probleme einer zielführenden Selbstpositionierung in der Erforschung populärer Kulturen am Beispiel der Metal Studies – Selbstreflexionen zur Positionierung in der Feldforschung und bei kontroversen Themen“, 6. Summer Institute der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung: Music, Media, Culture and Economy: Selbstreflexivität und Positionierung im eigenen Forschungsprojekt, Oktober 2021, Porto (PRT)
Kopanski, Reinhard & Suer, Daniel
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„Tanz um den Tisch. Materialitäten von Tanzpraktiken im Heavy Metal zu Pandemiezeiten“, 31. Jahrestagung der Gesellschaft für Popularmusikforschung in Kooperation mit dem Seminar für Kulturanthropologie des Textilen der TU Dortmund: All the Things You Are: Populäre Musik und materielle Kultur, Oktober 2021, Dortmund (D)
Heesch, Florian & Suer, Daniel
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Situating Dance History: Moshing’s Crossover from American Hardcore to German Metal in the 1980s”, Hard Wired VIII: Methodical Approaches to Music and Dance – Exploring Heavy Metal and Its Genre Boundaries, September 2022, Siegen (D)
Heesch, Florian
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„Dances with Tables. Materialities of Dance Practices in Metal During COVID”, Biennial Global Conference of the International Association for the Study of Popular Music XXI: Climates of Popular Music, Juli 2022, Daegu (KOR)
Suer, Daniel & Heesch, Florian
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„Projektvorstellung – Das Verhältnis von Musik und Tanz im Heavy Metal“, Vortragsreihe der Abteilung für Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik (Prof. Dr. Stephanie Schroedter) an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, April 2022, Wien (AUT)
Heesch, Florian & Suer, Daniel
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„Situational AlorDances: Investigating Music-Movement Relations in Metal”, Hard Wired VIII: Methodical Approaches to Music and Dance – Exploring Heavy Metal and Its Genre Boundaries, September 2022, Siegen (D)
Suer, Daniel
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„Two Case Studies on the Aesthetic and Social Co-Constitution of Music-Movement-Relations in Heavy Metal”, 5th International Biennial Research Conference of the International Society for Metal Music Studies: Heavy Metal in the Global South – Multiregional Perspectives, Juni 2022, Mexico City (MEX)
Suer, Daniel
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„Workshop: Situationsanalyse – Neue Erkenntnisse, neue Fragen“, 7. Summer Institute der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung: Transdisziplinarität und Disziplin im eigenen Forschungsprojekt, September 2022, Porto (PRT)
Rhein, Christian & Suer, Daniel
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„Zum Potenzial der Situationsanalyse für die Popular Music Studies“, 7. Summer Institute der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung: Transdisziplinarität und Disziplin im eigenen Forschungsprojekt, September 2022, Porto (PRT)
Suer, Daniel
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The Cambridge Companion to Metal Music. Cambridge University Press.
Herbst, Jan-Peter
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„Dances with Tables: Altered Materialities of Dance Practices in Heavy Metal as Response to the COVID-19 Pandemic”, 47th World Conference of the International Council for Traditional Music, Juli 2023, Legon (GHA)
Suer, Daniel
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„Zur Anwendung der Situationsanalyse in den Popular Music Studies“, Workingpaper zur Arbeitstagung Situationsanalyse: Zu Aktualität und Verwendungsweisen eines Forschungsprogramms, 17. November 2023, Universität Tübingen
Heesch, Florian & Suer, Daniel
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„’We Didn’t Call it Wall of Death, but Just Pogo’: The Crossing-Over of Hardcore Dancing into Metal in 1980s Germany”, 6th International Biennial Research Conference of the International Society for Metal Music Studies: No Outsides: Metal in an Era of Contagion, Juni 2023, Montréal/Tiohtià:ke (CAN)
Heesch, Florian
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Hard Wired VIII: Methodical Approaches to Music and Dance: Exploring the Field of Heavy Metal and Its Genre Boundaries, hosted by Florian Heesch, Daniel Suer and Franziska Kaufmann, University of Siegen, Siegen, 8–9 September 20221. Metal Music Studies, 10(1), 61-64.
Jung, Lea & Suer, Daniel
