Ungleichheit der Lebenserwartung: Wahrnehmung und Konsequenzen für die Verteilungspolitik
Wirtschaftstheorie
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Dieses Projekt untersucht die politischen Auswirkungen der sozioökonomischen Unterschiede in der Lebenserwartung. Wir nähern uns dieser Frage aus einer empirischen, politökonomischen Perspektive, die die Überzeugungen und Ansichten der Wähler untersucht, und aus einer theoretischen, normativen Perspektive, die auf dem Standardmodell der optimalen Umverteilung basiert. Der empirische Teil dieses Projekts dokumentiert die wahrgenommenen sozioökonomischen Unterschiede in der Lebenserwartung in der deutschen und der US-amerikanischen Bevölkerung anhand einer groß angelegten repräsentativen Umfrage. Wir zeigen, dass die Lebenserwartung der Armen stärker unterschätzt wird als die der Reichen, was zu einer überschätzten Wahrnehmung der Ungleichheit führt. Dieses Ergebnis gilt für verschiedene soziodemografische Gruppen und für beide Länder. Mit Hilfe eines Informationstreatments, welches eine zufällig ausgewählte Hälfte der Stichproben über den wahren sozioökonomischen Unterschied in der Lebenserwartung informiert, zeigen wir einen starken kausalen Effekt der Wahrnehmung sozioökonomischer Ungleichheit in der Lebenserwartung auf die Besorgnis über dieses Thema. Die Bereitstellung von Informationen verringert effektiv den Unterschied in der Besorgnis zwischen denjenigen, die die Ungleichheit überschätzen, und denjenigen, die sie unterschätzen. Das Informationstreatment hat jedoch nur begrenzte Auswirkungen auf die Nachfrage nach politischen Maßnahmen, da die Mehrheit der Befragten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenserwartung für die Armen unterstützt, unabhängig von ihrer vorherigen Fehleinschätzung. Insbesondere befürworten die Befragten nachdrücklich Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung und geben an, dass dies ihre oberste Priorität ist, um die niedrige Lebenserwartung der Armen zu adressieren. Im theoretischen Teil dieses Projekts wird die Ungleichheit der Lebenserwartung in ein Mirrlees'sches Lebenszyklusmodell eingeführt und die optimale Umverteilungspolitik anhand von Theorie und Kalibrierung beschrieben. Ein positiver Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Einkommen wirkt dem bekannten statischen Muster des abnehmenden Grenznutzens entgegen. Infolgedessen wird der mechanische Wert der Umverteilung auf allen Einkommensniveaus reduziert. Darüber hinaus wird der Rentenkeil zu einer neuen Einflussgröße für die optimale Besteuerung, die relativ niedrigere optimale Steuersätze für Geringverdiener und relativ höhere optimale Steuersätze für Besserverdienende zur Folge hat. Quantitativ gesehen dominieren die Auswirkungen des mechanischen Werts der Umverteilung, und die optimalen Grenzsteuersätze sinken um bis zu 10 Prozentpunkte, wenn die Lebenserwartung heterogen ist. Zusammenfassend zeigen beide Ansätze, dass sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung starke Implikationen für die Politik haben. Angesichts der breiten Unterstützung für politische Maßnahmen, die aus der Umfrage hervorgeht, haben die politischen Entscheidungsträger einen gewissen Spielraum bei der Formulierung dieser Reformen und können von Modellen für die optimale Politikgestaltung profitieren. Die Ergebnisse des theoretischen Projekts sind ein wichtiger erster Schritt zu diesem Ziel.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit in der Lebenserwartung und wie diese die Politikpräferenzen (nicht) beeinflusst. ifo Schnelldienst, 77(04), 43-48
Jessen, L. J., Köhne, S., Nüß, P. & Ruhose, J.
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Redistribution with Unequal Life Expectancy. CESifo Working Paper No. 10684, CESifo, Munich
Koehne, S.
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Socioeconomic Inequality in Life Expectancy: Perception and Policy Demand. CESifo Working Paper No. 10940, CESifo, Munich
Jessen, L. J., Koehne, S., Nüß, P. & Ruhose, J.
