Meritokratie und Dynastizität in China
Alte Geschichte
Mittelalterliche Geschichte
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Forschungsprojekt widmete sich zwei Formen der Herrschaftsbegründung: Herrschaft qua Talent bzw. Verdienst und Herrschaft qua Abkunft. Es hatte zum Ziel, das Zusammenspiel und den Konflikt zwischen diesen beiden Legitimationsquellen im vormodernen China zu untersuchen und als Quelle der Institutionenbildung und -entwicklung zu beschreiben. Primärer Untersuchungsgegenstand war der freiwillige Thronverzicht im chinesischen Frühmittelalter (189‒589 n.u.Z.). Dieser erlaubte es, Dynastiewechsel in Form komplexer Staatsrituale zu gestalten und so die Anwendung von Gewalt zu reduzieren. Anders als im Falle der regulären, innerfamiliären Thronfolge erfolgte die Besetzung der Kaiserposition im Zuge einer Abdikation i.d.R. unter Rückgriff auf die meritokratische Eignung des Prätendenten, nicht auf seine dynastische Qualifikation. Von der bisherigen Forschung ist die Institution der Abdikation weitgehend als Bemäntelungsritual abgetan worden, d.h. als eine sich wiederholende Konsensfassade, die wenig über die politische Kultur der Epoche sowie das Kaisertum im Besonderen verrät. Entsprechend wurde die umfangreiche Quellenüberlieferung zur Abdikation bislang keiner eingehenden Analyse unterzogen, erst recht nicht im Hinblick auf den zentralen Konflikt, welcher in ihr zum Austrag kommt. Eine solche Analyse vorzulegen und die Entwicklung der in Rede stehenden Institution nachzuvollziehen war das vornehmliche Erkenntnisinteresse des Forschungsprojektes. In methodischer Hinsicht hat das Projekt gezeigt, dass der freiwillige Thronverzicht ritualtheoretisch zu beschreiben ist. Bei den frühmittelalterlichen Abdikationen handelte es sich nicht um reine Konsensfassaden—als solche hätten sie ihre Funktion nicht erfüllt—, sondern um ein komplexes Ritualgeschehen, welches seinen Adressatenkreis auf ein soziales Ideal verpflichtete. Dieses Ideal, so das zweite Projektergebnis, war die herrschaftsfreie, Talent und Verdienst verpflichtete Interaktion zwischen Gleichberechtigten. Dynastische Herrschaftsansprüche blieben demgegenüber sekundär und von vormaligem Verdienst abhängig. Tatsächlich bildeten Meritokratie und Dynastizität also keinen Gegensatz. Vielmehr waren Talent und Verdienst konzeptuell vorrangig. Dass dynastische Eliten desungeachtet über hinreichend Möglichkeiten verfügten, ihren Status zu perpetuieren, führte zu einem auf Dauer gestellten sozialen Konflikt, der im Zuge von Abdikationen rituell bearbeitet wurde. Zum Dritten hat das Projekt gezeigt, dass die Institution der Abdikation im chinesischen Frühmittelalter einer Entwicklung unterlag: Ihr Grundprinzip—Talent und Verdienst—trat in zunehmenden Widerspruch zur Idee der friedlichen Herrschaftsübergabe, schließ lich bot gerade militärischer Konflikt die Chance, Verdienst zu erwerben. Dies führte dazu, dass sich die Institution allmählich von ihren klassischen Vorbildern entfernte, an Überzeugungskraft verlor und schließlich aufgegeben wurde.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Merit and Community: Aspects of Dynastic Change in Early Medieval China (Habilitationsschrift Ruhr-Universität Bochum)
FAHR, Paul
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„How to Attest One’s Life? On Autobiographical Writings by Rulers in Early Medieval China“ In: Matthias HAAKE und Andreas PEČAR (Hrsg.): Schreibende Monarchen in transepochaler und globaler Perspektive (Stuttgart: Franz Steiner Verlag)
FAHR, Paul
