Der Kampf gegen industrielle Wasserverschmutzung im ausgehenden Zarenreich (1870-1917)
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt widmete sich der Geschichte der industriellen Umweltverschmutzung – einem der wichtigsten Umweltprobleme, das maßgeblich zur Herausbildung moderner Umweltpolitik beigetragen hat. Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Bemühungen zur Eindämmung der Wasserverschmutzung durch Industrieabfälle neue Kommunikationsformen zwischen Bürger:innen, Fachleuten und staatlichen Akteuren hervorbrachten und letztlich zur Etablierung umfassender umweltrechtlicher Regelwerke führten. Verschmutzung – verstanden als „Materie am falschen Ort“ – war eng verflochten mit sozialen Hierarchien, politischen Ideologien und bürgerlicher Kultur. Ein lokal verankerter Zugang zur historischen Analyse eröffnete neue Perspektiven auf die Entstehung früher Umweltbewegungen: Zwar hatten viele Vorstellungen zum Umweltschutz globale Relevanz, ihre Umsetzung war jedoch stets von regionalen Kontexten abhängig. Die Studie schloss eine Forschungslücke in der Historiografie zur Kontrolle der Wasserverschmutzung im Russischen Reich. Während dieses Thema in Westeuropa und den USA intensiv erforscht wurde, blieb Russlands Rolle in den globalen Debatten zur Wasserverschmutzung im 19. Jahrhundert weitgehend unbeachtet. Unsere Ergebnisse belegen, dass das Russische Reich – als autokratischer Staat mit fortgeschrittenem wissenschaftlichem Know-how, einer aufstrebenden Industrie und gewaltigem Territorium – bereits lange vor der sowjetischen Industrialisierung Mechanismen zur Bekämpfung von Umweltverschmutzung entwickelt hatte. Zudem bildeten frühe umweltbezogene Institutionen und Bewegungen die Grundlage sowjetischer Umweltpolitik und erwiesen sich als widerstandsfähig gegenüber den politischen Umbrüchen von 1917. Im Verlauf des Projekts wurden umfassende Recherchen in zentralen und regionalen Archiven und Bibliotheken in Moskau, Sankt Petersburg, Tver̛, Kazan̛ (Russische Föderation), Baku (Aserbaidschan) und Tartu (Estland) durchgeführt. Das Hauptergebnis des Projekts war eine Monografie von Andrei Vinogradov. Die Forschungsergebnisse wurden auf zwei wissenschaftlichen Workshops diskutiert. Die Beiträge des Workshops in Dedoplistskaro, Georgien (12.–14. April 2023), werden in einem Themenheft publiziert.
