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Selbstbildung und Wissenschaftsgeschichte. Praktiken des Studiums in den Philologien und Geisteswissenschaften von den 1950er zu den 1980er Jahren

Fachliche Zuordnung Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung Förderung von 2021 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 460382216
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Forschungsprojekt untersuchte die Geschichte der Geisteswissenschaften zwischen den 1950er und 1980er Jahren. Datenbasis waren sogenannte Semesterberichte der Studienstiftung des deutschen Volkes, in denen Studierende im genannten Zeitraum zweimal jährlich aus ihrem Studium berichteten. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den Philologien und speziell der Germanistik. Die zentralen Projektziele bestanden (1.) in einer Erfassung von Studien- und Wissenschaftspraktiken und (2.) in Erkenntnissen zu einer damit verknüpften Wissenschaftsgeschichte. Drei im Forschungsprojekt bediente Module, die (a) Semesterberichte der Studienstiftung praxeologisch auslasen, sie (b) wissenschaftsgeschichtlich analysierten und (c) durch halbstandardisierte Leitfadeninterviews mit einzelnen Autorinnen und Autoren ergänzten, erwiesen sich als hoch produktiv und ergaben eine Fülle von Material. Das Projekt wertete Berichte aus 49 Studienbiographien aus, an denen zahlreiche Aspekte des geisteswissenschaftlichen Studiums sichtbar wurden. Es gewinnt grundlegende Bedeutung durch Perspektivverbindungen, die ungewöhnlich sind und erst durch das untersuchte Material möglich waren. Einerseits ging es um dezidiert subjektive Darlegungen aus dem Studium in actu, die Entwicklungen vom Grundstudium bis zum Abschluss der Promotion umfassten. Andererseits wurde durch die Analyse die wissenschaftliche und wissenschaftsgeschichtliche Verobjektivierung des vermeintlich Subjektiven sicht- und die Logik von Wissenschaft greifbar, die durch die Auswertung eines umfassenden Textkorpus Plastizität gewann. Zu den Auffälligkeiten der Berichte gehört die enge Verknüpfung eines Bemühens um wissenschaftliche Rationalität mit einer affektiven Bewertungspraxis, die Themen und Veranstaltungen beständig mit Gefühlswerten belegt. Auch lässt sich eine spannungsvolle Dopplung erkennen, welche die Distanzierung von utilitaristischem Nutzenkalkül, ja überhaupt von der Begründung von Forschung im konkreten Fall vollzieht, jedoch die permanente Suche nach relevanter Wissenschaft nicht aufgibt. Ausdruck solcher Suche ist in den Berichten unter anderem das Bemühen, die persönlich richtige Wissenschaft zu finden. Sie bedingt eine Praxis des Vergleichs, die Dozent_innen, Veranstaltungen, Universitäten, Teildisziplinen, Studienfächer oder das In- und Auslandsstudium unablässig gegeneinander abwägt. Während diese Praxis als subjektive gemeint ist und empfunden wird, hat sie für die untersuchten Jahrzehnte wissenschaftsgeschichtliche Relevanz und prägt sich in Entwicklungsprozesse des geisteswissenschaftlichen Feldes aus Philologien, Geschichtswissenschaft, Philosophie und Erziehungswissenschaft ein. Bekannte Phänomene wie die Auflösung einer traditionell geisteswissenschaftlichen zugunsten einer sozialwissenschaftlichen Perspektive ab den 1960er Jahren erscheinen so in neuem Licht und demonstrieren auch die Verquickung vermeintlich persönlicher Motive und biographischer Kontingenzen mit wissenschaftlichen Entwicklungen der longue durée. Die Berichte geben derart auch Aufschlüsse über die unterschiedlichen Profile geisteswissenschaftlicher Disziplinen bzw. deren Wahrnehmung in einem herausfordernden wissenschaftlichen Feld.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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