Zustands- und Merkmals-Aufmerksamkeitsverzerrungen und die Rolle der Aufmerksamkeitskontrolle bei Zwangsstörungen: Eine Eye-Tracking Studie mit idiosynkratischem Material
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Zwangsstörung ist eine heterogene Störung bei der Zwangsgedanken und -handlungen stark von Person zu Person variieren. Es wird vermutet, dass die Zwangsstörung mit bestimmten Aufmerksamkeitsverzerrungen einhergeht, die möglicherweise eine Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung spielen. Bisherige Studien zu Aufmerksamkeitsverzerrungen bei der Zwangsstörung lieferten jedoch keine eindeutigen Ergebnisse. Die bisherigen Inkonsistenzen könnten aufgrund verschiedener methodischen Einschränkungen entstanden sein, z.B. geringe Reliabilität und Validität von Methoden und Material, Beschränkung auf die Untersuchung nur eines Subtypes, kein Einschluss einer klinischen Kontrollgruppe. Um diese Einschränkungen zu überwinden, nutzte die vorliegende Studie Eye-Tracking-Technologie, um verlässliche Aufmerksamkeitsmuster über längere Zeiträume zu erfassen. Wir schlossen Personen mit ganz unterschiedlichen Zwangssymptomen ein und analysierten die Aufmerksamkeitsverzerrungen in Bezug auf die Bilder, die für die jeweilige Person zwangsrelevant war (idiosynkratisch). Zusätzlich erhoben wir eine gesunde Kontrollgruppe und eine Gruppe mit Spinnenphobie (oder ausgeprägter Angst vor Spinnen), um die Spezifität der Aufmerksamkeitsverzerrungen zu untersuchen. Darüber hinaus untersuchten wir, ob der Zusammenhang zwischen Zwangssymptomen und Aufmerksamkeitsverzerrungen durch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitskontrolle und das aktuelle Stresserleben beeinflusst wird. Unsere Ergebnisse stützen nicht die Annahme, dass es bei Personen mit Zwangsstörungen zu Aufmerksamkeitsverzerrungen kommt, wenn zwangsrelevante Reize mit negativen oder neutralen Reizen verglichen wurden. Auch zeigte sich kein Unterschied im Vergleich zur nicht-klinischen Kontrollgruppe. Teilnehmende mit Spinnenphobie (oder ausgeprägter Angst vor Spinnen) zeigten hingegen die erwarteten Aufmerksamkeitsverzerrungen. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit schneller auf Spinnenbilder und blickten schneller weg als bei negativen oder neutralen Bildern. Bemerkenswert ist dabei, dass nur etwa 20 % der Bilder, die allgemein als zwangsrelevant galten (z. B. aus Bilddatenbanken mit zwangsrelevanten Szenen), von den Teilnehmenden mit Zwangsstörung tatsächlich als individuell relevant eingestuft wurden. Die Analysen zu den moderierenden Effekten der Aufmerksamkeitskontrolle und des aktuellen Stresserlebens sind noch nicht abgeschlossen. Zusammenfassend nutzte unsere Studie ein verlässliches Paradigma mit individuell relevanten Stimuli, um Aufmerksamkeitsverzerrungen bei Teilnehmenden mit unterschiedlichen Subtypen der Zwangsstörung zu untersuchen. Anders als erwartet wurden jedoch keine Aufmerksamkeitsverzerrungen bei individuell zwangsrelevanten Stimuli festgestellt und stellt damit infrage, ob Aufmerksamkeitsverzerrungen generell eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung oder Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen spielen. Zukünftige Studien könnten untersuchen, ob Aufmerksamkeitsverzerrungen bei bestimmten Subtypen der Zwangsstörung eine größere Bedeutung haben. Die Tatsache, dass nur etwa 20 % der Bilder als individuell relevant für spezifische Zwangssymptome angesehen wurden, verdeutlicht die Bedeutung idiosynkratischer Stimuli für zukünftige Forschung.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Validation of a German Version of the 12-Item Obsessive-Compulsive Inventory (OCI-12). Poster presentation at the „1. Deutschen Psychotherapiekongress“, Berlin, 2022.
Müller, C. L., Fink-Lamotte, J., Lohse, L., Wahl-Kordon, A., Borgelt, J., McKay, D., Abramowitz, J. S., Ehring, T., Abramovitch, A., Jelinek, L. & Cludius, B.
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Deciphering Attentional Biases in Obsessive-Compulsive Disorder: An Eye-Tracking Study With Idiosyncratic Material. Poster presentation at the Eye-Movement Summer School, Athens, 2024.
Müller, C. L., Ehinger, B. V., Ehring, T. & Cludius, B.
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„Diagnostik und Behandlung der Zwangsstörung: Perspektiven der Verhaltenstherapie und Psychodynamischen Verfahren.“ 3. Deutscher Psychotherapiekongress, Berlin, 2024.
Barbara Cludius
