Kontext-basierte Diskriminierung im Schulkontext: Der Einfluss der ethnischen Zusammensetzung von Schulklassen auf die Verwendung von disziplinierenden Maßnahmen durch Lehrkräfte
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Bisherige Forschung zeigt, dass Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler, die rassifizierten Gruppen angehören, anders behandeln als Schülerinnen und Schüler, die nicht-rassifizierten Gruppen angehören. Studien aus den USA zeigen, dass bei störendem Verhalten von als Schwarz wahrgenommenen Schüler*innen eher eingegriffen wird als bei als Weiß wahrgenommenen Schüler*innen. Ähnliche Befunde zeigen sich in Reaktionen auf störendes Verhalten von als Türkisch oder Arabisch wahrgenommenen Schüler*innen in Deutschland. Derartige Disparitäten werden häufig damit erklärt, dass Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern negative Stereotypen zuschreiben. Ziel des Projekts war es, zu untersuchen, inwieweit auch kontextbezogene Faktoren derartige Disparitäten erklären können. Eine zentrale Annahme des Projekts war, dass Reaktionen von Lehrkräften auf Schülerinnen und Schüler nicht nur durch Stereotypen auf individueller Ebene, sondern auch durch unmittelbare Kontextfaktoren beeinflusst werden. Anhand eines neuentwickelten experimentellen Designs untersuchte das Projekt kausale Effekte des Klassenkontextes auf sozial-kognitive Prozesse (z. B. Stereotype, Emotionen) und Verhaltensabsichten bei Lehrkräften. Zur Validierung der experimentellen Methode und um kontextbasierte Diskriminierung empirisch zu erfassen, stützte sich das Projekt auf eine Erhebung zukünftiger Lehrkräfte (Studierende des Lehramts), die an einem Online-Experiment teilnahmen. Die zentrale Hypothese lautete, dass Teilnehmende bei Beschreibungen von Fehlverhalten im Klassenzimmer strengere Disziplinarmaßnahmen befürworten, wenn das Fehlverhalten in Klassen mit mehrheitlich als arabisch wahrgenommen Schüler*innen auftritt. Die Befunde stützten diese Hypothese. Teilnehmende, die mit Fehlverhalten in einer Klasse mit als arabisch wahrgenommenen Schülerinnen und Schülern konfrontiert wurden, fühlten sich durch das Verhalten stärker gestört als diejenigen, die mit Fehlverhalten in einer Klasse mit als deutsch wahrgenommenen Schülerinnen und Schülern konfrontiert wurden. Die Teilnehmenden befürworteten in Klassen mit mehrheitlich als arabisch wahrgenommenen Schülerinnen und Schülern zudem eher strengere Formen der Disziplinierung. Teilnehmende erlebten den gesamten Klassenkontext in Klassen mit als arabisch wahrgenommenen Schülerinnen und Schülern zudem als herausfordernder und negativer. Zusammenfassend liefert das Projekt empirische Belege für kontextbasierte Diskriminierung und deutet darauf hin, dass strukturelle Faktoren wie die Zusammensetzung von Schulklassen Auswirkungen auf die soziale Kognition und das Entscheidungsverhalten im Klassenzimmer haben können. Die im Projekt untersuchten strukturellen Faktoren wirken auf Kontextebene und betreffen demnach viele Schüler*innen gleichzeitig. Dies unterstreicht die Relevanz und die Notwendigkeit zukünftiger Forschung zu kontextbasierter Diskriminierung sowie zu dessen Auswirkungen auf Disparitäten im Bildungswesen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Context-based discrimination in school discipline. Paper presented at the EASP-SPSSI Small Group Meeting, Society in the Classroom: Integrating Perspectives on How Socioeconomic Disparities Unfold in Educational Settings, London School of Economics, London, United Kingdom.
Essien, I.
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Context-based discrimination in school. Position paper presented at the 52nd Congress of the German Psychological Society (DGPs), Hildesheim, Germany.
Essien, I., Froehlich, L., Siem, B. & Rohmann, A.
