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Bahari yetu (Unser Ozean/Genre) - Eine matrifokale anthropologische Untersuchung mündlicher Überlieferungen und Wissenspraktiken an der Swahili Küste

Antragstellerin Dr. Jasmin Mahazi
Fachliche Zuordnung Afrika-, Amerika- und Ozeanienbezogene Wissenschaften
Ethnologie und Europäische Ethnologie
Förderung Förderung von 2021 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 470693274
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Dieses Forschungsprojekt ging von dem Swahili Konzept bahari, was sowohl „Genre“ als auch „Ozean“ bedeutet, aus. Wissenspraktiken an der nördlichen Swahili Küste wurden aus einem matrifokalen und ethnographischen Blickwinkel betrachtet. Erforscht wurden mündlich überlieferte Darbietungen der Wortkunst, genannt ngoma. Anlässe für ngoma Darbietungen, in welchen sowohl historisches Wissen vermittelt, als auch aktuelle Debatten geführt werden, sind kultureller, politischer und religiöser Art. Jedoch sind sie in erster Hinsicht Begebenheiten, an welchen soziales, ethisches, philosophisches, linguistisches und rhetorisches Wissen erlernt wird. Im Bestreben die Swahili Konzepte von Wissen zu erfassen, beabsichtigte ich zu ergründen wie mündlich-literarische Gattungen das spezifische Werden, Sein und Handeln in diesem Teil des westlichen Indischen Ozeans prägen. Dies bewerkstelligte ich durch eine tiefgehende Analyse der Art und Weise wie Experten und Spezialisten, z.B. DichterInnen, ngoma DarstellerInnen und KuratorInnen vor Ort, mündliche und schriftliche Swahili Wissensgattungen archivieren, produzieren, übertragen, nutzen und darbieten. Da in vorwiegend oralen Gesellschaften theoretisches und praktisches Wissen eng miteinander verwoben sind, bezog dieses Projekt auch die Erforschung von traditionellen Swahili Beschäftigungen, wie z.B. Dichten, Trommelherstellung und Mattenflechten mit ein. Dies erfolgte durch eine matrifokale und ethnographische Herangehensweise. Der übergreifende Fokus in diesem Forschungsprojekt lag auf der bisher in der Wissenschaft vernachlässigten weiblich-basierten Wissenserkenntnis und den verborgenen matriarchalen Elementen in der Swahili Gesellschaft. Dieser Ansatz diente auch der Fokussierung auf eine weibliche, moralische und politische Philosophie, sowie der aktiven Anerkennung von alternativen, nichteurozentristischen Wissensweisen und Auffassungen von Realität. Wie hypothesiert, ist das Swahili Verständnis von Wissen grundsätzlich matri-philosophisch. Die Untersuchung von Musik und Tanzdarbietungen als generationsübergreifende Orte der Wissensproduktion, hat gezeigt wie die Verwendung und Weitergabe von mündlich überliefertem Wissen in dem Lernenden ein spezifisches Verständnis der Vergangenheit und seines gegenwärtigen Seins in dieser Welt definiert. Sie hat gezeigt wie matri-philosophische Werte, wie zum Beispiel Empathie und Gerechtigkeit, sich in einer mimetisch, performativen, musikalisch und oralen Wissenseinrichtung lernenden Person manifestieren kann. Die Untersuchung hat erwiesen, dass matrifokale Wissenspraktiken es schaffen theoretische Wissensinhalte zu ent-personalisieren, zu multiplizieren und zu verteilen und damit bestimmte Wissensgemeinschaften zu bilden, anstatt Wissen in einem bestimmten Wissensexperten, einzelnen Autor oder unsterblichen (meist männlichen) Philosophen zu gipfeln, so wie es in der hierarchischen westlichen und akademischen Wissenstradition üblich ist. Durch das Einbeziehen von lokalen Experten und Akteuren als kollaborative KollegInnen während der Entwicklung und Entfaltung des Projektes, hat das Projekt nicht nur zu einer empirisch begründeten Konzeptualisierung von Wissen, welches Traditionen kreuzt, beigetragen, sondern auch eines welches es ermöglicht historische epistemische Wunden zu heilen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Shaping and Being Shaped by Lamu Society: Ustadh Mau’s Poetry in the Context of Swahili Poetic Practice. In This Fragile World, 30-40. BRILL.
    Mahazi, Jasmin Anna-Karima
  • 16th-17th Nov. 2023 at the “Lineage and Gender in Islam: Perspectives from the Indian Ocean World” conference at Leiden University, the Netherlands. “Ichumbo la Yaye, AvuTila na mamake (Elder sister’s womb, mother’s brother and his mother) – Matrifocal affiliation and lineage among the Bajuni/Swahili of the Western Indian Ocean”
    Mahazi, Jasmin Anna-Karima
  • “In Search of Truth and Justice” in: Thinking through Translocal Entanglements, New Directions in Research 2020-2022, Leibniz-Zentrum Moderner Orient
    Mahazi, Jasmin Anna-Karima
  • “Silence, secrecy, ignorance, and the making of class and status across generations.” ZMO Programmatic Texts 15.
    Becker, Johannes; Bromber, Katrin; Chavoshian, Sana; Moradi, Ahmad; Ferrand, Antoinette; Ismailbekova, Aksana; Mahazi, Jasmin Anna-Karima; Scharrer, Tabea & Schielke, Samuli
  • “Uncle Abudis Truhe” in: Gedächtnis 02/2023 issue of the Leibniz Magazin
    Mahazi, Jasmin Anna-Karima
  • “Mwanati – Child of this Soil: Vave and Political Commentary”, in Bajuni Land, Language and Orature, eds. Kimani Njogu and Athman Lali Omar, Twaweza Communications, Nairobi
    Mahazi, Jasmin Anna-Karima
 
 

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