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Gelähmte Körper und eingeschränkte Bewegungsapparate – eine diachrone Perspektive auf Im/mobilität in der französischen Literatur (XVII-XXI Jh.)

Antragstellerin Dr. Daniela Kuschel
Fachliche Zuordnung Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung Förderung von 2022 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 498270478
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt erarbeitet, unter dem Dach der interdisziplinären Disability Studies eine wissens- und kulturgeschichtliche Perspektive auf ‚Lähmung‘ (frz. ‚paralysie‘, ‚plégie‘) anhand seiner Thematisierung in der frz. Literatur. Dafür wertet es mit Hilfe analoger und computergestützter Methoden die Kollektion „Les Classiques de la littérature“ der Französischen Nationalbibliothek (BnF) aus, die sowohl literarische Texte als auch eine Reihe an Miscellanea beinhaltet. Die Studie analysiert die konkrete und figurative Dimension des Konzepts ‚Lähmung‘. Indem die Studie aufdeckt, wie Vorstellungen über Lähmungserscheinungen in ihre je spezifischen historischen Wissenskontexte eingebettet sind, wie sie aus einer bestimmten Situation heraus entstehen, sich verfestigen und zirkulieren, lädt sie einerseits dazu ein, diese Vorstellungen als Konstruktionen zu hinterfragen. Andererseits bietet sie ein Werkzeug an, um gegenwärtige Auffassungen über Lähmung, Krankheit und Behinderung auf Basis der sie tatsächlich umgebenden Wissenskontexte zu denken. Das sichtbare „Hauptsymptom“ der Lähmung, die eingeschränkte Mobilität, ist maßgeblich für das Konzept: der konkrete, pathologische Sinn speist die kontextvariable figurative Dimension. Diese hat eine wirkmächtige Metaphorik ausgebildet und die sprachliche Tragweite des Konzepts ist höchst relevant, um zu verstehen, wie sich konkrete Realitäten von Krankheit und Behinderung in soziale und kulturelle Strukturen einschreiben. Die gegenseitige Beeinflussung von physischer Realität und Metaphorisierungen, als Praktiken der Ko-Produktion von Wissen, hat der Konsolidierung und Beständigkeit von stereotypen Vorstellungen im Umgang mit Lähmung Vorschub geleistet. Diese existieren in Abweichung von tatsächlichen spezifischen historischen Realitäten. Dies zeigt sich bspw. darin, dass medizinische, technische und soziale Errungenschaften Voraussetzungen und Möglichkeiten für die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen geschaffen haben, stereotype Auffassungen von Lähmung dennoch weiterhin tief in Kultur und Gesellschaft verankert sind. Die Studie zeigt, dass die Fiktionen in Wechselbeziehungen mit dem sie umgebenden Wissen stehen und dabei in unterschiedlichen Graden zur Konsolidierung derartiger Vorstellungen beitragen. Das Korpus zeigt jedoch, dass es stets auch (Gegen-)Entwürfe gibt, die den Diskurs pluralisieren. Der Hauptfokus des Projekts liegt auf den gelähmten Figuren und damit den fiktionalen Verkörperungen von Immobilität. In vielen der analysierten Werke fungieren gelähmte Figuren als Dekorelemente und schaffen so einen Realitätseffekt. Die Studie kann hier (insbes. für das 19. Jh.) verdeutlichen, dass es eine Korrelation mit der Präsenz von Lähmungserfahrungen in der außerliterarischen Realität gibt, die als Krankheitserscheinungen aufgefasst wurden. Daneben finden sich auch viele Beispiele für die in den Disability Studies stark kritisierte Reduktion von Behinderung zu Metaphern und narrativen, häufig negativ konnotierten, „Kurzschlüssen“. Als Metaphern dienen die gelähmten Figuren u.a. dazu, moralische Fragestellungen (zum Beispiel im Bereich der sozialen Verantwortung) zu klären oder kritisch Stellung zu sozialen, kulturellen und politischen Themen zu beziehen. Darüber hinaus enthält das Korpus Texte, die die Konditionen der körperlichen und sozialen Immobilität selbst hinterfragen und damit über den Metaphern-Status hinausreichen. Diese erscheinen als Vorausdeutungen auf die im 20. Jh. aufkommende direkte Thematisierung von Lähmung als Behinderung. Diese zunehmende Verschiebung weg von einem fatalistischen Krankheitshin zum Behinderungsdiskurs verändert den poetologischen Stellenwert: vom Motiv wird Lähmung zum Thema erhoben, das im Laufe der Zeit und im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Diskursen häufiger politisiert wird.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • „Penser le mouvement comme concept et métaphore à partir de la paralysie“, Beitrag zur Tagung Mouvement(s) et contraintes. Enjeux artistiques et politiques des dynamiques d’émancipation et de leurs représentations (volet 2), 23. Oktober
    Daniela Kuschel
  • "Romanfiguren mit Locked-In-Syndrom“, Blogbeitrag in: Images of Disability. The blog of the research project „Narrative, Expectation, Experience“, 18. Dezember, https://images-of-disability.uni-passau.de/romanfiguren-mit-locked-in-syndrom/
    Daniela Kuschel
  • Diskurs- und Motivgeschichte mit Methoden der Digital Humanities? Ein Versuch die Präsenz und Funktion von Lähmung und Im/mobilität in der französischen Literatur (1750-1914) zu erforschen. Vortrag im Rahmen des interdisziplinären literaturwissenschaftlichen Kolloquiums, Universität Marburg, 15. Juni
    Daniela Kuschel
  • „Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht. Eine Analyse von Lähmungsdarstellungen in sechs französischsprachigen Comics”, Vortrag auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung, Göttingen, 11.-13. Dezember
    Daniela Kuschel
 
 

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