Die Westportale von Notre-Dame in Paris
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand eine bauarchäologische Untersuchung der Westportale von Notre-Dame in Paris. Bisher war von den drei Portalen nur das mittlere Weltgerichtsportal mit Methoden der Bauforschung analysiert worden. Entsprechende Studien zu den Seitenportalen, zum Zusammenhang der Portale untereinander und zum Verhältnis der Westfassade zum Langhaus der Kathedrale fehlten bisher. Im Rahmen des Wiederaufbaus von Notre-Dame nach dem Brand 2019 ergab sich vom Gerüst aus die Gelegenheit das Mauerwerk, die Skulptur und die farbige Fassung nahsichtig zu analysieren. Dabei konnte erstmals auch die Fassadenrückwand in die Beobachtungen miteingeschlossen werden. Die Reinigung des Innenraums der Kathedrale ermöglichte darüber hinaus eine genaue Betrachtung der bis dahin von Schmutzschichten verborgenen Kapitelle des westlichen Fassadenjochs. Ich erstellte mit meinem Team ein exaktes, steingerechtes dreidimensionales Aufmaß der drei Portale, das eine Analyse der Proportionen und der geometrischen Prinzipien erlaubte, eine Projektion von innen und außen ermöglicht hat und als Kartierungsgrundlage diente. Ein neu vermessener Grundriss und eine Fotogrammmetrie sämtliche Außenwände der Kathedrale kamen als weitere Forschungsgrundlagen hinzu. Das Projekt konnte zum einen den Forschungsstand zur Baugeschichte der Pariser Westfassade revidieren und brachte zum anderen neue Ergebnisse zu Fragen der Planung, Konstruktion, Herstellungspraxis, Datierung und schließlich auch zum Verhältnis von Form und Bauorganisation einer mittelalterlichen Kathedralbaustelle und -hütte. Im Gegensatz zur bisherigen Annahme (Bruzelius 1987), dass die Fassade in einem längeren Prozess portalweise von Norden nach Süden errichtet wurde, konnte ich nachweisen, dass die Westfassade in einem zeitlichen und baulichen Kontext mit den seitlichen Außenwänden des westlichen Langhauses und den Pfeilern der fünf Schiffe des Innenraums steht. Da diese Pfeiler den Dachstuhl tragen, bietet das dendrochronologisch ermittelte Datum des Dachstuhls auf 1214 nun einen zuverlässigen terminus ante quem für die gesamten Turmjoche einschließlich der Fassade. Dieser Block muss in kurzer Zeit gebaut worden sein. Wichtiger Bestandteil dieser Erkenntnis ist, dass alle drei Portale trotz großer stilistischer Unterschiede gleichzeitig und nicht nacheinander errichtet worden sind, wie bisher in der Forschungsliteratur angenommen. Das bedeutet wiederum, dass mehrere Werkstätten gleichzeitig in enger Abstimmung tätig gewesen sein müssen. Auch der Zeitpunkt für die Planungen der heutigen Fassade ließ sich genauer bestimmen: Am neu vermessenen Grundriss lässt sich ein Planwechsel entdecken: dort veränderte man den Verlauf der beiden südlichen Scheidarkaden, um sie den nun festgelegten Dimensionen der Portale anzupassen. Die große Variationsbreite in Entwurf, Stil und Konstruktion bei gleichzeitiger Entstehung gehört zu den Besonderheiten der Pariser Portale, die abschließend im Vergleich bewertet werden.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Le portail Sainte-Anne et la façade occidentale: observations sur l‘histoire du bâti. In: Berné, Damien (Hg.): Faire parler les pierres: sculptures médiévales de Notre-Dame; exposition, Paris, Musée national du moyen âge-Thermes de Cluny, Paris 2024, S. 58–64
Stephan Albrecht
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Die Setzungen an der Westfassade von Notre-Dame in Paris und ihre Auswirkungen auf das Weltgerichtsportal. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte, 162-177. University of Bamberg Press.
Albrecht, Stephan & Menargues, Angel
