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Wertpapiere der Kunst vs. Gemeinbesitz der Kunst. Zum Widerstreit zwischen Authentifizierung und Kollektivierung in Krisenzeiten 1870-2020
Antragsteller
Professor Dr. Tobias Vogt
Fachliche Zuordnung
Kunstgeschichte
Förderung
Förderung seit 2023
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 514731806
Die rasanten Fortschritte generativer künstlicher Intelligenz haben zwei widerstreitende Tendenzen auch in der bildenden Kunst verstärkt: einerseits die Absicherung von Identitäten und Informationen durch Prozesse der Autorisierung und Authentifizierung und andererseits die Transformation des geistigen Eigentums in einen zunehmend autorlosen und fluiden Gemeinbesitz. Das Forschungsprojekt untersucht diesen Widerstreit zwischen authentifizierender Festlegung und kollektivierender Freisetzung erstmalig aus kunsthistorischer und -theoretischer Perspektive. Im Anschluss an die dreijährige erste Projektphase fokussiert die zweite Phase auf die Kehrseite der künstlerisch gestalteten Authentifizierung von 1870 bis in die Gegenwart. Dies geschieht methodisch auf erstens prozessualer, zweitens programmatischer und drittens auktorialer Ebene. Prozessual kennzeichnet diese Kehrseite die Übernahme von fremdem sowie die Weitergabe von eigenem künstlerischem Material, wie sie sich etwa in Collage und Readymade, Détournement und Appropriation, Remix- und Zitatkultur in den Bildkünsten vielgestaltig manifestiert haben. Diese Praktiken sollen mithilfe von Gérard Genettes Konzept der Transtextualität typologisch untergliedert und strukturell intelligibel gemacht werden. Programmatisch geraten Vorstellungen und Rechtsformen des Gemeinbesitzes (öffentliches Eigentum, Creative Commons, Anti-Copyright, etc.), die Kunstschaffende als parergonale Deutungsrahmen für ihre Praktiken der Übernahme und Weitergabe künstlerischen Materials etablieren, in den Blick. Auktorial betrifft die Kehrseite der Authentifizierung nicht-individuelle, kollaborative und kollektive Modelle von Autor:innenschaft. Hier stellt insbesondere die Erforschung quasi-korporativer, unternehmensförmiger Initiativen, die durch ihre Namensgebung – Société Anonyme, Merz, General Idea, Claire Fontaine – ein ambivalentes Verhältnis zur Ökonomie unterhalten, ein weiteres Desiderat dar. Die zweite Phase des Projekts nimmt sich somit vor, die in der ersten Phase bereits ertragreich analysierte Geschichte der bildkünstlerischen Authentifizierung mit den Theorien und Praktiken der Freisetzung, gar Entfesselung von künstlerischen Materialien, Konzepten und Autor:innenschaftsmodellen zusammenzudenken. Erneut ausgehend von ökonomischen Umbrüchen stehen dabei gesellschaftlich weiter gefasste und zugleich historisch auf die Zeit zwischen 1870 und 2020 konzentrierte Krisen und Transformationen besonders im Fokus. Ziel des Projekts ist der Nachweis des bislang für die Bildkünste kaum untersuchten, produktiven Widerstreits zwischen dem Wunsch nach absichernder Authentifizierung und der Hoffnung auf eine diversifizierte Kultur allgemein und barrierefrei zugänglicher Informationen. Die zentrale These lautet, dass hierbei ein enger kausaler Zusammenhang zwischen der konzeptuellen Appropriation zum einen von künstlerischen Materialien und Praktiken und zum anderen von Namen und Strategien aus der Wirtschaft besteht.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
