Paula, Josef und Frieda Fruchter: Briefe aus dem Shanghaier Exil 1941–1949
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im April/Mai 1941 flohen die Pianistin und Sprecherzieherin Paula Fruchter (1896–1983), der Sänger, Gesangslehrer und Kantor Josef Fruchter (1900–1976) und ihre Tochter Frieda (1933–2020) nach Shanghai. Sie gehörten zu den etwa 18.000 meist jüdischen Flüchtlingen, die in der von Krieg und Kolonialkonflikten bedrängten Metropole vor der NS-Verfolgung Zuflucht suchten. Ergänzt durch Nachrichten ihres Mannes und ihrer Tochter schrieb Paula Fruchter 1941–1949 fast 70 Briefe, Karten, Telegramme und Rot-Kreuz-Nachrichten an ihre Mutter und weitere Angehörige in Wien. Dass die Briefe überdauert haben, ist eine Besonderheit und liegt darin, dass die Mutter nicht von antisemitischer Verfolgung betroffen war. Die ersten Nachrichten der Fruchters entstanden während der Flucht von Wien durch das besetzte Polen, die Sowjetunion und Mandschukuo und geben einen Eindruck von den Umständen der Reise, von Menschen, Städten und Landschaften sowie der Annäherung an fremde Lebenswelten. Den Abschluss bilden vier Briefe, die während der Schiffspassage von Shanghai nach Israel bzw. ebendort geschrieben wurden. Hier geht es um Hoffnungen und Ängste in Bezug auf die Zukunft. Den größten Teil machen die Briefe aus Shanghai aus. Sie thematisieren neben der beruflichen Situation (Konzerte, Unterricht, Kantorat, Konkurrenz) den Alltag in Shanghai (Unterkunft, Ernährung, Gesundheit, Klima, Erziehung, Kontaktnetzwerke, Weiter- und Rückwanderung in der Nachkriegszeit). Sie reflektieren damit vor allem sozialgeschichtliche Aspekte des Lebens in der Extremsituation Shanghais, binden sie doch emotionale Befindlichkeiten, Privatansichten und Alltagsmomente ein. Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage (Besatzung, Ghettoisierung, Krieg, Bürgerkrieg, Inflation) und der Sorge um die Verwandten in Wien sind die Briefe von Auslassungen, indirekten Mitteilungen sowie Strategien der Beschwichtigung und Auflockerung geprägt. Das erste Kapitel enthält eine Einführung in den Forschungs- und Quellenkontext sowie in die historischen Hintergründe der Zensur und die Bedingungen der Selbstzensur. Das zweite Kapitel zeichnet die Lebenswege der drei Briefeschreiberinnen und -schreiber nach und stellt sie in einen zeitgeschichtlichen Kontext. Dabei rücken zum einen die Vorgeschichte und Umstände der Flucht sowie der Weiterwanderung in den Vordergrund, zum anderen die Berufstätigkeit der Fruchters und damit die Frage, wie Shanghai trotz aller Schwierigkeiten auch Chancen für die professionelle Entwicklung bieten konnte. Diese Darstellung wird mit Überlegungen zu den spezifischen Formen der Kommunikation im Exil verknüpft. Daran schließt drittens die diplomatische Edition der Briefe samt Kommentaren und Verweisen an. Hinzu kommen Angaben zu den Leitlinien der Edition und ein Briefverzeichnis. Im Anhang findet sich neben Verzeichnissen zu Abkürzungen, Literatur und Quellen ein Namensregister, in dem, soweit ermittelbar, alle in den Briefen genannten Personen biographisch ausgezeichnet sind.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Josef Fruchter, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2016
Sophie Fetthauer
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Paula Fruchter, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2021
Sophie Fetthauer
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Creation of Jobs, Union Work and Cooperation: The Institutionalisation of Musical Life by the European Jewish Artist Society, the Shanghai Musicians Association, and the Association of Jewish Precentors in the Shanghai Exile, 1938–49. Music and Exile, 75-93. BRILL.
Fetthauer, Sophie
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Fritz Philippsborn, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2023
Sophie Fetthauer:
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Helene Fischer, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2023
Sophie Fetthauer
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„Alfred Büchler“. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2023
Sophie Fetthauer: & Alfred Büchler
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„Jewish Refugees from the Nazi State in Shanghai, 1938– 1949“, in: The Oxford Handbook of Jewish Music Studies, Tina Frühauf (Hg.), Übersetzung Tina Frühauf, New York (NY): Oxford University Press, 2023, S. 119–143
Fetthauer, Sophie
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Dittmar Stern, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2024
Sophie Fetthauer
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Ilse Stern, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2024
Sophie Fetthauer
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„Hier muß sich jeder allein helfen“: Paula, Josef und Frieda Fruchter: Briefe einer Wiener Musikerfamilie aus dem Shanghaier Exil 1941 –1949“ (= Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, Bd. 22, Peter Petersen (Hg.)), Neumünster: von Bockel, erscheint Juni 2024, 332 Seiten, ISBN 978-3-95675-044-1
Fetthauer, Sophie
