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Entwicklung eines individuellen Zielwahlmodells der Verkehrsnachfrage unter Berücksichtigung subjektiver Raumkenntnisse

Fachliche Zuordnung Verkehrs- und Transportsysteme, Intelligenter und automatisierter Verkehr
Förderung Förderung von 2004 bis 2006
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 5421609
 
Erstellungsjahr 2008

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Klassische "aggregierte" Verkehrsmodelle sind kaum in der Lage, Wirkungszusammenhänge bei der Entstehung und Veränderung von Verkehrsverhalten abzubilden. Hier sind aktivitätenbasierte Modellansätze gefragt, welche nicht nur eine Beschreibung sondern auch eine partielle Erklärung des Verkehrsverhaltens ermöglichen. Die Abbildung der Verkehrsnachfrage, insbesondere der Wegeanzahl, sowie die Abbildung der Verkehrsmittelwahl stellen die bisherigen Untersuchungsschwerpunkte auf diesem Gebiet dar. Für die Bestimmung der Aktivitätenstandorte jedoch fehlt bislang ein geeignetes Verfahren, das in die aktivitätenbasierte Modellkette integriert werden könnte. An dieser Stelle setzt das Projekt "Zielwahlmodell auf Basis subjektiver Raumkenntnisse" an. Exemplarisch wurde die Aktivität Lebensmitteleinkauf betrachtet, die eine bewusste Alternativenauswahl erwarten lässt und von einem hohen Anteil der Bevölkerung ausgeübt wird. Die Modellbausteine sind auf Basis einer eigenen Erhebung entwickelt und im Rahmen einer Pilotanwendung unter Nutzung eines verfügbaren Sechs-Wochen-Datensatzes zu individuellem Aktivitätenverhalten getestet worden. Mit Ausnahme des objektiven Gelegenheitsfeldes, das detailliert aufgenommen worden ist, sowie den als bekannt vorausgesetzten Informationen zu Hauptaktivitätenstandorten und Wohndauer der zu modellierenden Personen werden an die Eingangsdaten keine besonderen Anforderungen gestellt, die über das übliche Maß von Verkehrsmodellen hinausgehen. Im gedanklichen Grundkonzept wird der aktivitätenspezifische Kenntnisraum einer Person ("kognitive Karte" oder hier: "individuelles Gelegenheitsfeld") charakterisiert durch Form und Ausdehnung sowie durch verzerrte Wahrnehmungen von Distanzen und Merkmalen. Die Ausgangshypothesen hinsichtlich der Einflussgrößen für derartige kognitive Karten wurden durch die Erhebungsergebnisse bestätigt und im Rahmen der Modellrealisierung konkretisiert: Hauptaktivitätenstandorte beeinflussen die Ausprägungen des Kenntnisraumes - mit abnehmender Tendenz bei höherem Alter der Person, längerer Wohndauer am aktuellen Standort und wachsender Distanz zwischen Wohn- und Hauptaktivitätenstandort. Größere Entfernungen und seltene Nutzungen verstärken Wahrnehmungsverzerrungen beim Distanzempfinden und bei der Erinnerung konkreter Merkmale. Subjektive Präferenzen, die teilweise mit soziodemographischen Merkmalen korrespondieren, rufen unterschiedliches Nutzungsverhalten von Geschäftstypen, aber auch von Einzelstandorten hervor. So kann beispielsweise bei Wochenmarktbesuchern eine geringere Präferenz gegenüber langen Öffnungszeiten als bei Nutzern von Lebensmittelmärkten festgestellt werden. Lange Öffnungszeiten wiederum werden mit zunehmendem Alter unwichtiger. Derartige Zusammenhänge wurden identifiziert und in den Modellbaustein "subjektiv präferenziertes Gelegenheitsfeld" integriert. Im Modellbaustein "situative Zielwahl" werden Rahmenbedingungen der aktuellen Handlung berücksichtigt, wie Art und Ort vorheriger und nachfolgender Aktivitäten, verwendetes Verkehrsmittel, Startzeit und Dauer, Beteiligung weiterer Personen, so dass eine Auswahl aus dem Alternativenset der subjektiv präferenzierten Standorte wirkungsorientiert erfolgen kann. Die Pilotanwendung des entwickelten Zielwahlmodells auf den Datensatz des Projektes Mobidrive hat auf der Modellstufe "Individuelles Gelegenheitsfeld" plausible und sich mit den dokumentierten Daten weitgehend deckende Ergebnisse geliefert. Eine Überprüfung des Modellbausteins "Subjektiv präferenziertes Gelegenheitsfeld" war nur bedingt möglich, was auf die unterschiedlichen thematischen Ausrichtungen des Modells und der Testdaten zurückzuführen ist. Bei der Beurteilung der Güte der "situativen Standortwahl" ist festzustellen, dass für Personen mit Wohnstandorten innerhalb von Gebieten mit geringerer Geschäftsdichte bessere Übereinstimmungen mit den Erhebungsdaten erzielt werden konnten. Die Präzision ist auf der Ebene eines Gesamtmodells zur Verkehrsnachfragesimulation jedoch ausreichend, denn für das örtliche Verkehrsaufkommen im Netz ist es letztlich unerheblich, ob Bäcker X oder Bäcker Y in unmittelbarer Nachbarschaft aufgesucht wird. Das Projekt hat die - modellmäßige und empirische - Realisierbarkeit eines individuellen Zielwahlmodells auf Basis subjektiver Kenntnisse demonstriert, das geeignet ist, im Rahmen von aktivitätenbasierten Verkehrsmodellen Anwendung zu finden. Eine räumliche und aktivitätenspezifische Übertragbarkeit des Verfahrensansatzes ist grundsätzlich gegeben, es sind aber ergänzende empirische Untersuchungen und Modifizierungen einzelner Modellbausteine (z.B. aktivitätenspezifisches System der subjektiven Präferenzen) erforderlich. Die Pilotanwendung auf die Daten einer Sechs-Wochen-Erhebung des Projektes Mobidrive in Form von Wegetagebüchern aus 71 Haushalten hat die grundsätzliche Nutzbarkeit der Modellergebnisse nachgewiesen. Da die aufgestellten Zusammenhänge jedoch nicht vollständig statistisch abgesichert werden konnten und bei der Modellumsetzung durch begründete Annahmen ergänzt werden mussten, bedarf das Modell vor einer praktischen Anwendung im Rahmen einer aktivitätenbasierten Verkehrsmodellierung einer ergänzenden empirischen Fundierung und bei Übertragung auf andere Aktivitäten einer weitergehenden Prüfung und ggf. Modifizierung. Künftige Untersuchungen mit dem Ziel einer Operationalisierung kognitiver Karten im Rahmen der Verkehrsnachfragemodellierung sollten den jeweiligen Untersuchungsgegenstand zunächst noch stärker eingrenzen, als es durch die Aktivität Lebensmitteleinkauf geschehen konnte, um die Ursachen der Aktivität bzw. die Aktivitäten selbst auf der einen Seite und die alternativen Standorte zur Aktivitätenausübung auf der anderen Seite untereinander vergleichbar zu halten. Es ist zu erwarten, dass damit der grundlegende Charakter einer derartigen Untersuchung Interdependenzen im Gefüge Kenntnisse - verzerrte Wahrnehmungen - Präferenzen - Nutzung einfacher offen legen und nachbilden lässt und daher die Ergebnisse leichter auf andere Aktivitäten übertragbar macht.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • (2005) Berücksichtigung subjektiver Raumkenntnisse bei der Modellierung der Auswahl von Aktivitätenstandorten. Hochschultagung Straßen- und Verkehrswesen 2005 in Wildbad Kreuth
    Ansorge, Jens
  • (2005) Zielwahlmodell auf Basis subjektiver Raumkenntnisse. In: Schriftenreihe SRL -Stadt Region Land, Heft 78, Institut für Stadtbauwesen und Sadtverkehr der RWTH Aachen, Aachen, S. 87 - 96
    Ansorge, Jens und Beckmann, Klaus J.
 
 

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