Schedia - Alexandrias Hafenstadt am Nil. Archäologische Untersuchungen eines ptolemäisch-römischen Handelszentrums in Unterägypten
Final Report Abstract
Schedia (‚Pontonbrücke’) war eine vermutlich zur Zeit Ptolemaios’I gegründete Siedlung und Zollstation am Abzweig eines Kanals, der vom kanopischen Nilarm ausgehend das 29 km entfernte Alexandria mit dem Nil und Ägypten verband und zugleich der Metropole Trinkwasser zuführte. Schriftliche Überlieferungen bezeugen die Existenz des Ortes vom 4. Jh. v.Chr. bis über die Spätantike hinaus. Seine Lage wurde durch die napoleonischen Ingenieure anhand der Kanalreste und großflächiger Koms (Siedlungshügel) identifiziert. Archäologisch wurde Schedia aber erst durch ägyptische Notgrabungen der Jahre 1982-92 sichtbar, die undokumentiert blieben. Weder der kanopische Nil noch der Kanal sind heute im Gelände zu erkennen, die antike Lagunenlandschaft ist landwirtschaftlich bebauten Flächen gewichen. Das Projekt zielte einerseits darauf, durch großräumige geophysikalische Prospektionen sowie geoarchäologische Untersuchungen die Lage von Kanal und kanopischem Nil sowie die Struktur der Siedlung zu ermitteln, um damit einen Beitrag zur Rekonstruktion der antiken Landschaft des westlichen Nildeltas und zur regionalen Topographie zu leisten. Zum anderen sollte durch Dokumentation der vom ägyptischen Antikendienst freigelegten Bauten und gezielte Sondagen in unausgegrabenen Arealen die urbanistische Entwicklung dieser Siedlung im Zusammenhang mit soziokulturellen Veränderungen innerhalb der ggf. multiethnischen Bevölkerung beleuchtet werden. Stratigraphische Ausgrabungen sollten außerdem Grundlagen für die Typologie und Chronologie der noch kaum erforschten lokalen Keramik und Kleinkunst liefern. Im Projektverlauf ergab sich, daß eine großflächige Siedlungsrekonstruktion nicht möglich war, weil das antike Lehmziegelmaterial im 19. und 20. Jh. von den freien Flächen großräumig zur Ziegelgewinnung abgetragen worden war. Die Untersuchung konzentrierte sich daher auf die übrigen Ziele. Mit Hilfe von historischen Karten, Satellitenbildern, SRTM-Fernerkundungsdaten sowie geoarchäologischen Untersuchungen (Bohrungen, Sedimentanalysen) konnte der Verlauf des Kanopischen Nils geklärt werden. Sein Bett wird z.T. vom modernen Khanubiye-Kanal genutzt. Er machte bei Schedia eine starke Kurve nach Westen, aus der der Kanal abgeleitet wurde. Die Besiedlung entwickelte sich auf beiden Seiten der Wasserläufe offenbar unregelmäßig. Dabei lag das heutige Kom el Giza wahrscheinlich auf einer Nilinsel, zu der die Pontonbrücke führte, während sich ein Hauptteil der Siedlung südwestlich des Nils (von Kom el Hamam bis Nashwa) befand. Eine Zusammenschau von Schriftquellen und Befunden vor Ort lässt vermuten, dass der Kanal ursprünglich zwischen Kom el Hamam und Kom Sherif verlief und ursprünglich groß genug war, dass die Nilschiffe bis Alexandria fahren konnten. Schon zu Anfang der römischen Zeit war er jedoch so versandet, dass Umladen und somit ein Hafen nötig wurde, der in der langen Senke mit geraden Seiten zwischen Kom Sherif und Nashwa anzusiedeln ist. Ein früher Siedlungskern lag in Kom el Giza, mit einer Struktur, die ins späte 4./frühe 3. Jh.v.Chr. zurückgeht, einem hellenistischen Tholosbad der Zeit kurz nach 200 v.Chr. und den Resten eines späthellenistischen Monumentalbaus. Ähnliche frühe Befunde sind für die zentrale Zone beim Kanalansatz in Kom el-Hamam zu vermuten. Wegen des Grundwassers konnten dort erst die späthellenistischen und folgenden Schichten erfasst werden. In die weitere Geschichte der Siedlung ergaben sich teilweise detaillierte Einblicke. Auf Kom el Hamam gehören monumentale Speicherbauten des frühen 1.Jhs.n.Chr. vielleicht zu einem römischen Militärlager, das die Kanalmündung schützte. In flavischer Zeit trat an ihre Stelle ein monumentaler Speicherbau aus Ziegeln. In Kom el Giza liegt u.a. eine Villa römischen Typus neben Grabbauten alexandrinischen Typus mit Stufensockeln aus dem 1./2.Jh. In der Spätantike verkleinerte sich die Siedlung, Gebäude wurden agrarisch und gewerblich (Weinpressen, Leinen(?)herstellung) umgenutzt, der Speicherbau auf Kom el Hamam wurde dezidiert zum Getreidespeicher. Von den umfangreichen Keramikfunden wurden drei vom 1. bis 7. Jh. reichende Stratigraphien (6,7 t) vollständig statistisch bearbeitet, andere ausschnittweise. Hier wurde erstmals eine differenzierte Typologie der lokalen Waren etabliert und durch Korrelation mit datierten Importen und der umfangreichen numismatischen Evidenz chronologisch eingeordnet. Mit dieser Grundlagenarbeit wurden wichtige Voraussetzungen für wirtschaftshistorische Vergleiche mit dem weiteren Ägypten und dem römischen Reich geschaffen (s. Anschlussprojekt Ceramalex). Die hellenistische Phase im Fundmaterial wurde durch die Bearbeitung der Funde aus den unstratifizierten ägyptischen Ausgrabungen erschlossen. Die Analyse von Münzen und Kleinfunden hat eine über Schedia hinausführende Bedeutung dadurch, dass sie es, anders als bei musealen Sammlungen, mit ungefilterten Beständen einer Siedlung zu tun hat.
Publications
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Schedia, Alexandrias Hafen am Kanopischen Nil. Zwischenbericht zu den Arbeiten 2003-2007, Hefte des Archäologischen Seminars Bern 20, 2007, 65-77
M. Bergmann - M. Heinzelmann
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Pottery from Schedia near Alexandria (Egypt). Rei Cretariae Romanae Fautorum Acta 40, 2008, 263-269
A. Martin
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Inschriften aus Schedia, Chiron 39, 2009, 463-503
S. Scheuble
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The bath at Schedia, in: M.-F. Boussac - T. Fournet - B. Redon (Hrsg.), Le bain collectif en Égypte – balaneia, thermae, hammamat. Institut Francais d’Archéologie Orientale. Études urbaines 7 (Le Caire 2009) 87-100
M. Bergmann - M. Heinzelmann
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The pottery from a late-antique settlement at Schedia (Western Delta,Egypt), in: S. Menichelli - M. Pasquinucci - S. Santoro (Hrsg.) The 3rd International Conference on Late Roman Coarse Ware, Cooking Ware and Amphorae in the Mediterranean: Archaeology and Archaeometry (LRCW 3), Parma-Pisa 25-30 march 2008 (Oxford 2009) 945-949
A. Martin
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Schedia, Alexandria’s harbour on the Canopic Nile. Interim report on the German Mission at Kom el Giza/Beheira (2003-2008), in: L. Blue - E. Khalil (Hrsg.), Lake Mareotis: Reconstructing the Past. Proceedings of the International Conference on the Archaeology of the Mareotis Region held at Alexandria University, 5th-6th April 2008. BAR Int.Ser.2113 (Oxford 2010) 107-117
M. Bergmann - M.Heinzelmann - A.Martin
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Schedia – Zollstation und Flusshafen Alexandrias am Kanopischen Nil, in: F. Pirson – Th. Schmidts (Hrsg.), Häfen und Hafenstädte im östlichen Mittelmeerraum von der Antike bis in byzantinische Zeit. Aktuelle Entdeckungen und neue Forschungsansätze, Kolloquium Istanbul 2011
M. Bergmann – M. Heinzelmann
