Existenz und Funktion des sozialen Milieus im Dritten Reich am Beispiel des ersten anthroposophisch heilpädagogischen Instituts "Lauenstein"
Final Report Abstract
In dem Forschungsvorhaben wurde erstmals der Aktenbestand der ersten anthroposophisch orientierten heilpädagogischen Einrichtung erfasst und ausgewertet, die vor allem während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bestand. Die quantitative und qualitative Auswertung der Daten und einer Rezeption der einschlägigen Archivdokumente und Literatur zeigen folgendes: Die Anthroposophinnen und Anthroposophen konstituierten sich als charismatisch beherrschte Gemeinschaft im Sinne Max Webers. Die Mitglieder waren keine homogene Gruppe. Vielmehr war der Zusammenhang durch unterschiedliche Konfliktlinien gekennzeichnet, der die Anhängerschaft in verschiedene Teileinheiten fragmentierte. Ein wesentliches Separierungsmerkmal war die generationelle Zugehörigkeit. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten: Die Personen, die die Institutionalisierung der anthroposophischen Heilpädagogik und Medizin vorantrieben, waren eine Generationeneinheit der Kriegsjugend des Ersten Weltkriegs. Mit den charismatischen und generationellen Aspekten zur Beschreibung der Anthroposophie können Vergleiche zum Nationalsozialsozialismus gezogen werden. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Weltanschauungen deutlich. Einerseits machte z. B. die internationale Orientierung oder die Ablehnung der NS-Eugenik die Anthroposophie zum weltanschaulichen Gegner des Nationalsozialismus. Andererseits zeigen strukturelle Ähnlichkeiten wie Antiintellektualismus in den Erziehungskonzepten beider Denkströmungen oder familiäre Verbindungen zwischen Anthroposophen und Nationalsozialisten Schwierigkeiten des NS-Staates, den anthroposophischen Zusammenhang mit all seinen Organisationen zu verbieten. Die charismatisch fundierte anthroposophische Gemeinschaft bildete ein Milieu heraus. Es war gekennzeichnet durch eine stark nach innen gerichtete Kommunikation. Sie hatte in der therapeutischen Praxis des Heilinstituts Lauenstein die Tendenz, die anthroposophischen Erziehungsansprüche gegenüber anderen Therapiekonzepten zu verabsolutieren und abweichende Meinungen z.B. von Eltern abzuwerten. Zugleich wurde mit der Herausbildung einer spezifischen Festkultur, die den Alltag in den Heilinstituten ritualisierte und den inneren Zusammenhalt des Heimmilieus stabilisierte. Darüber hinaus schuf die inneranthroposophische Kommunikation Wortschöpfungen wie etwa „Seeelenpflege-Bedürftigkeit" oder „Wesenheit", die der Abgrenzung von der Außenwelt Vorschub leistete. Die starken Binnenkräfte des anthroposophischen Milieus wurden sicher durch die äußeren Bedrohungen befördert. Bereits vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus wurden die Heilinstitute durch knappe finanzielle Ressourcen besonders während der Weltwirtschaftskrise bedrängt. Eltern zahlten dabei teils mit Sachleistungen oder besonders Mütter durch unentgeltliche Mitarbeit etwa in der Hauswirtschaft des Lauensteins. Manche finanziell gut gestellte Persönlichkeit aus dem anthroposophischen Umfeld half weiter. Eine Bedrohung aufgrund ihres weltanschaulichen Charakters bestand für die Institute zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Mit Beginn des Dritten Reiches waren die Heilinstitute von zwei Seiten bedroht. Zum einen wurden sie als Teil einer Weltanschauungsgemeinschaft in ihrer Existenz in Frage gestellt, zum anderen zielte die NS-Erb- und Rassenpolitik auf die Arbeit in den Instituten durch die Sterilisation und „Euthanasie" der behinderten Kinder. Dabei entwickelte sich unter den Heimmitarbeitern eine bisher nicht beachtete Oppositionshaltung zum Schutz der Kinder, bei dem auch das Risiko der Sanktionierung durch den NS-Staat nicht gescheut wurde. Grundlage für diese Haltung war die charismatisch begründete Bindung an Rudolf Steiner. Dieser Sachverhalt rückt das Verhalten der anthroposophischen Heilpädagogen in die Nähe einer religiös motivierten Opposition zum NS-Staat.
Publications
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Das anthroposophische Heilerziehungsheim Lauenstein im Heeresgestüt Altefeld 1932-1941. In: Eschweger Geschichtsblätter 18/2007, Eschwege 2007, S. 27-45
van der Locht, Volker
