Die Normativität instrumenteller Rationalität und ihre Vereinbarkeit mit dem Naturalismus
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Instrumentelle Rationalitätsurteile - Urteile darüber, was man tun sollte oder was zu tun rational wäre, wenn man bestimmte Ziele verfolgt - begegnen uns in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Oft hören (oder sagen) wir Sätze wie „Wer eine Universitätskaniere anstrebt, sollte viel publizieren", „Für jeden, der gesund bleiben will, ist es rational, täglich vitaminreiche Nahrung zu sich nehmen" oder „Das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit ist körperliche Betätigung". Instrumentelle Rationalitätsurteile sind philosophisch von großem Interesse. Im Rahmen des Projekts wurden Argumente formuliert, die dafür sprechen, dass diese Urteile - entgegen der landläufigen Meinung - normativen Charakter besitzen. Dies wirft die Frage auf, ob (und wenn ja, wie) das Phänomen der instrumentellen Rationalität in ein naturalistisches Weltbild integriert werden kann. Die Untersuchungen des Projektmitarbeiters Peter Schulte haben gezeigt, dass traditionelle, 'deskriptivistische' Ansätze, die instrumentelle Rationalitätsurteile als gewöhnliche Tatsachenbehauptung behandeln, damit große Probleme haben: Tatsachen über instrumentelle Rationalität sind, wie es scheint, weder a priori aus ,gewöhnlichen' natürlichen Tatsachen ableitbar noch a posteriori identisch mit ihnen, und sie können auch nicht als irreduzible natürliche Tatsachen angesehen werden. Alle diese naturalistischen Integrationsversuche scheitern - so Schultes These - , weil sie dem normativen Charakter von instrumentellen Rationalitätsurteilen nicht gerecht werden können. Der naturalistische Deskriptivist kann weder eine Erklärung für die ,intrinsische' motivationale Kraft von Rationalitätsurteilen liefern, noch kann er Meinungsverschiedenheiten in der Theorie der instrumentellen Rationalität (wie sie z.B. zwischen Evidentialisten und Kausalisten bestehen) befriedigend analysieren. Wie sich bei der Durchführung des Projekts gezeigt hat, gibt es jedoch einen gangbaren Ausweg für den Naturalisten: eine expressivistische Analyse von normativen Phänomenen, die auch das Phänomen der instrumentellen Rationalität mit einschließt. Die Eckpunkte dieser Analyse lassen sich in drei Thesen zusammenfassen: (i) Normative Einstellungen sind generalisierbare konative („wunschartige") Zustände, (ii) normative Sätze drücken diese konativen Zustände aus und (iii) weil normative Sätze diese Zustände ausdrücken, haben sie ein ,imperativische' Bedeutung. (Diese neue Variante der expressivistischen Grundidee bezeichnet Schulte als „präskriptivistischen Expressivismus".) Dem Expressivismus zufolge ist es gar nicht notwendig, normative Tatsachen in der natürlichen Welt zu lokalisieren, weii normative Einstellungen und Sätze gar nicht die Funktion haben, Tatsachen (im substantiellen Sinn) zu repräsentieren. Der Expressivist kann daher die Existenz substantieller normativer Tatsachen bestreiten, ohne die Legitimität (und Korrektheit) normativer Urteile prinzipiell in Zweifel ziehen zu müssen. Diese Perspektive auf normative Phänomene eröffnet neue theoretische Möglichkeiten. Auf Grundlage der allgemeinen expressivistischen Analyse von Normativität wurde im Zuge des Projekts der Unterschied zwischen dem „Sollen" der Moral und dem „Sollen" der Rationalität - der Unterschied zwischen 'fordernder' und 'empfehlender' Normativität - expressivistisch ausbuchstabiert: Moralische Urteile, so der Vorschlag, drücken nichtkonditionale, Rationalitätsurteile konditionale konative Zustände aus. Auch für den Sonderstatus (die 'Unbestreitbarkeit') des instrumentelle Prinzips konnte ein aussichtreicher expressivistischer Erklärungsvorschlag erarbeitet werden, demzufolge die Akzeptanz des instrumentellen Prinzips konstitutiv für den Besitz von Absichten und Zielen ist. Schließlich konnten auch einige Befürchtungen entkräftet werden, die angesichts expressivistischer Analysen oft geäußert werden. Es zeigte sich, dass eine expressivistische Analyse der Normativität nicht zu einer ,neuen Beliebigkeit', zu einem „anything goes" in den normativen Disziplinen führt. Das gilt auch (und, wie die Überlegungen zum Sonderstatus des instrumentellen Prinzips nahelegen, sogar besonders) für die Theorie der instrumentelle Rationalität. Der Expressivismus untergräbt unsere Rationalitätsurteile nicht, er weist ihnen nur eine angemessene Rolle zu.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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„The Special Status of Instrumental Rationality". In: Helen Bohse, Sven Walter (Hrsg.) (2007): Ausgewählte Sektionsbeiträge der GAP.6, Sechster Internationaler Kongress der Gesellschaft für Analytische Philosophie. Berlin, 11.-14. September 2006. (CD-ROM) Paderborn: mentis
Schulte, Peter
