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Der ewige Torso Belvedere. Materialität und Zeitlichkeit von Kanonbildung

Antragstellerin Dr. Anna Degler
Fachliche Zuordnung Kunstgeschichte
Förderung Förderung seit 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 549564210
 
Das Projekt widmet sich der künstlerischen Rezeption des Torso Belvedere (Apollonius von Athen, ca. 1. Jh. v. Chr., Vatikanische Museen) zwischen 1500 und ca. 1890 als einem einflussreichen und widersprüchlichen Untersuchungsgegenstand im Zentrum des griechisch-römischen Kanons. Wie kein anderes antikes Kunstwerk prägte diese nur als Fragment bekannte Skulptur in entscheidendem Maße nicht nur Bilder und Vorstellungen von ‚der Antike‘, sondern gleichermaßen von ‚der Renaissance‘ und ‚der Moderne‘. Diese permanente Reaktualisierung des Torso Belvedere bildet die Grundlage für eine diachrone Studie über die Materialität und Temporalität von Kanonbildung. Hierfür werden drei neue Untersuchungsfelder erschlossen: die künstlerische Torso-Rezeption im Lichte von Ganzheitsdiskursen und Körperlichkeit; Gipsabgüsse und -reproduktionen des Torso Belvedere als Medium und Material der Motivwanderung; die Kanonisierung des Torso Belvedere in den USA im Kontext von Identitäts- und Geschichtsbildung. Grundlegend ist dabei die Frage, wie Antikenrezeption als gemeinschaftliche ästhetische und normative Praxis in einem eurozentrischen und transatlantischen Diskursraum erfolgte. Durch die Erforschung der vielfältigen Formen von Materialität und Zeitlichkeit, die Rezeptionsprozesse motivieren und Kanonbildung bestimmen, befragt das Projekt die ungebrochene Bedeutung des Torso Belvedere im ‚westlichen‘ Kanon und fügt dem Diskurs neue Schauplätze, Akteur:innen und Anlässe der Rezeption hinzu. Zudem widmet sich das Vorhaben der nachantiken Rezeption der Skulptur mit dem Ziel, anhand bisher marginalisierter Themen, Künstler:innen und Medien eine neue Perspektive auf ein Kunstwerk im Zentrum zu gewinnen. Es geht darum zu fragen, unter welchen Bedingungen welche Bilder, Versionen und Projektionen vom Torso Belvedere entstanden sind. Das Projekt will zeigen, wie diese Bilder in Bewegung versetzt wurden und so wiederum eigene Normen, Werte und Ideen transportierten und im Umkehrschluss auf jüngere Rezeptionspraktiken und -erzählungen des Originals und dessen Kanonisierung einwirkten. In Anbetracht der einflussreichen Wertproduktion und der enormen kulturgeschichtlichen Reichweite der Skulptur sollen so neue Aussagen über dynamische Ganzheiten wie Zeit-, Geschichts- und Gesellschaftsmodelle, Körpernormen und Werkbegriffe ermöglicht werden, die anhand des Torso Belvedere künstlerisch immer wieder neu ausgehandelt wurden.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

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