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Die gemeinschaftliche Erschaffung eines volkssprachlichen Ovids im späten Mittelalter
Antragstellerin
Dr. Molly Bronstein
Fachliche Zuordnung
Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung
Förderung seit 2024
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 551429447
Das Vorhaben situiert den Autor des Ovide moralisé (OM; 14. Jh.) als Führungsfigur in einem mittelalterlichen Team-Übersetzungs-Projekt: Gleich zu Anfang seiner Übersetzung von Ovids Metamorphosen fordert er seine Leser dazu auf, seinen Text zu korrigieren und neu zu übersetzen, und es kann gezeigt werden, wie ein Netzwerk von Autor:innen und Übersetzer:innen — darunter Guillaume de Machaut, Jean Froissart, Christine de Pizan, Geoffrey Chaucer, John Gower und William Caxton — die Einladung in französischer und englischer Sprache aufgreifen. Während Studien zu mittelalterlicher Textualität häufig den kompetitiven Charakter der Beziehungen zwischen vergangenen und gegenwärtigen Autoren hervorheben, macht mein Projekt deutlich, dass die mittelalterliche Ovid-Rezeption vor allem durch ein zunehmendes co-kreatives Engagement für gemeinschaftliche Übersetzungsarbeit vorangetrieben wird. Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung: Gibt es Anzeichen dafür, dass die genannten Autor:innen sich selbst und einander gleichermaßen als Übersetzer und Urheber betrachten? Lassen sie ein Bewusstsein dafür erkennen, dass der anonyme Autor des OM als ein von Ovid zu unterscheidender Textschöpfer angesehen wurde? Wird der Name “Ovid” zu einem Markenzeichen für das Team muttersprachlicher Übersetzer:innen, die Ovid fortlaufend (neu) übersetzen? Diesen Fragen wird in einer Reihe von Arbeiten nachgegangen, die sich auf folgende Fallstudien konzentrieren: 1) Die englische Rezeption des altfranzösischen Piramus et Tisbé: Der Autor des OM nimmt dieses Lai in seinen eigenen Text auf und lobt dabei ausdrücklich das Übersetzungsverfahren seines Vorgängers; Chaucers und Gowers Neuübersetzungen desselben Lai greifen diesen Geist der Kooperation auf und zeigen ein deutliches ästhetisches Interesse an den Übersetzungsmethoden ihrer französischen Vorgänger. 2) Christine de Pizan greift ausführlich auf den OM in ihrem Livre de la Cité des dames and Epistre Othéa zurück. Das Projekt schenkt der englischen Übersetzung der Othea durch Stephen Scrope neue Beachtung: Dieser scheint zunächst Christine de Pizans Rolle zu schmälern, indem er sie als Förderer des Textes und nicht als seine Autorin bezeichnet, doch Scropes Bezug auf die vielen „doctours“, die für den Text verantwortlich waren, zeigt seine Wahrnehmung der Ovid-Rezeption als Teamarbeit. 3) Chaucers Book of the Duchess wird als Beispiel einer diachronen Team-Übersetzung untersucht; diese umfasst sowohl einen Teil von Froissarts Paradys d’amours wie auch Machauts Version der Erzählung von Ceyx und Alcyone (ihrerseits bereits eine Übersetzung aus dem OM). 4) Caxtons Booke of Ovyde—seine Übersetzung des OM en prose—wurde von der Übersetzungsgeschichtsforschung bislang relativ wenig beachtet; in meinem Projekt jedoch wird der Text als signifikantes Produkt eines diachronen Prozesses gemeinschaftlicher Übersetzung erkannt, da Caxton sein Werk mit dem von Chaucer und Gower korrigierend abgleicht.
DFG-Verfahren
WBP Stelle
