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Multidirektionale Erinnerung und Trauma Durcharbeitung in der brasilianischen Literatur: Holocaust und brasilianische Militärdiktatur
Antragstellerin
Sabrina Costa Braga, Ph.D.
Fachliche Zuordnung
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung
Förderung seit 2024
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 551538407
Das Problem der Beziehung zwischen historischer Wirklichkeit, Fiktion und Erinnerung kann fruchtbar anhand der traumatischen Erfahrungen untersucht werden, die es für Einzelpersonen und Gesellschaften erforderlich machen, Erinnerungen zu verarbeiten und zu untersuchen, wie die Vergangenheit in der Gegenwart andauernd neu interpretiert und angeeignet wird. Dieses Forschungsprojekt hat zum Ziel, die Beziehung zwischen der Erinnerung an den Holocaust und der Erinnerung an die brasilianische Militärdiktatur durch ihre Multidirektionalität darzustellen. Dabei werden zeitgenössische fiktionale Texte untersucht, die einerseits von der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust verfasst wurden — also den brasilianischen Nachkommen von Überlebenden — und andererseits von Familienangehörigen und Nachkommen von Opfern der brasilianischen Militärdiktatur. Die Geschichte der Shoah und des Antisemitismus ist in der Literatur, die sich mit der Diktatur befasst, weitgehend präsent. Sie spielt häufig eine metaphorische Rolle bei der Durcharbeitung der offenen Wunde, die durch institutionalisierte Folter und Ermordung bestimmter Gruppen entstanden ist. Mittlerweile ist die während der Militärdiktatur aufgedeckte Gewalt einer der Gründe für das Wiederaufleben einer brasilianischen Literatur über den Holocaust. Dies zeigt, wie mehrere traumatische Vergangenheiten in einer heterogenen Gegenwart aufeinandertreffen. Eine der Fragen ist, wie und in welchem Ausmaß diese fiktiven literarischen Darstellungen die Besonderheiten des brasilianischen Falles vermitteln und gleichzeitig die Rolle der Holocaust-Erinnerung in der Weltliteratur veranschaulichen können. Der Versuch, das Trauma der Shoah in Brasilien durchzuarbeiten, ist mit dem nationalen Trauma der Diktatur verwoben, das noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist und den unterschiedlichsten ideologischen Interpretationen unterliegt. So, inwieweit können diese verzerrten Erinnerungen durch ihre literarische Darstellung intersubjektiv kommuniziert werden? Fiktion kann als eine Möglichkeit gesehen werden, mit mehreren Generationen Fragen der Erinnerung und Identität über ein verschwiegenes historisches Trauma zu verhandeln. Dies ist insbesondere in Brasilien der Fall, wo der neuste Aufstieg der extremen Rechten den Weg für die Leugnung nicht nur der institutionalisierten Folter, sondern auch der bloßen Idee ebnete, dass es im Land eine Militärdiktatur gab, was sich immer weiter die kulturellen und institutionellen Überreste des Autoritarismus verschärft. Durch die Analyse der Quellen wird es möglich sein zu zeigen, dass Multidirektionalität es ermöglicht, dass fiktionales und autofiktionales Schreiben über die Diktatur nicht unbedingt auf ein Schreiben der zweiten oder dritten Generation verschoben werden muss, wie es oft im Fall des Holocaust geschah.
DFG-Verfahren
WBP Stelle
