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Neue Evidenzpraktiken in der Archäologie: Zum Verhältnis archäogenetischer und archäologischer Befunde in der Erforschung von Verwandtschaft
Antragstellerin
Professorin Dr. Ruth Müller
Fachliche Zuordnung
Ethnologie und Europäische Ethnologie
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 559851615
Forschung zu ancient-DNA (aDNA) hat jüngst in Wissenschaft und Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit erhalten. Neue Verfahren erlauben es, DNA aus archäologischen Funden zu untersuchen und versprechen, die Geschichte der Menschheit neu genetisch nachvollziehbar zu machen. Teil des Versprechens ist, dass nun auch Verwandtschaft in der Archäologie biologisch erforschbar wird. Aussagen über Verwandtschaft müssten nicht mehr primär auf der Analyse kultureller Artefakte und Praktiken, wie etwa der gemeinsamen Bestattung, fußen, sondern könnten auch auf genetische Evidenz bauen. Dies wirft die Frage auf, wie die neue Methode der aDNA-Analyse in die archäologische Forschung zu Verwandtschaft eingebracht und wie sie mit anderen archäologischen Evidenzformen verknüpft werden kann. Genetischem Wissen wird – in Wissenschaft wie Gesellschaft – oft eine höhere Faktizität zugeschrieben als den interpretativen Praktiken der Kultur- und Geisteswissenschaften. Gleichzeitig ist genetische Evidenz aber nur beschränkt aussagekräftig für die Rekonstruktion von Verwandtschaft. Verwandtschaft ist ein Konzept und eine soziale Praxis, die sowohl biologische als auch soziale Elemente beinhalten kann. Eine sorgsame Integration genetischer Befunde ist daher zentral, um eine biodeterministische Lesart von Verwandtschaft zu vermeiden. Unser Projekt verwendet Konzepte und Methoden der Science & Technology Studies (STS), um empirisch zu erforschen, wie aDNA in der archäologischen Forschung zu Verwandtschaft eingesetzt wird, wie aDNA-Analysen mit anderen Formen archäologischer Evidenz verknüpft werden und welche epistemischen, sozialen, politischen und forschungsethischen Herausforderungen dabei entstehen. Besonderes Augenmerk liegt darauf, wie biologische und soziale Aspekte von Verwandtschaft zueinander in Beziehung gesetzt und welche Vorstellungen von menschlicher Differenzierung, wie Geschlecht, Ethnie, Population und soziale Klasse dabei mobilisiert und kreiert werden. Mittels qualitativer sozialwissenschaftlicher Methoden, wie Interviews, Beobachtungen und Dokumentenanalysen werden wir die Wissensproduktion mit aDNA vom archäologischen Feld über das archäogenetische Labor bis hin zum archäologischen Institut verfolgen. Wir wenden ein vergleichendes Forschungsdesign an und werden drei verschiedene Fallstudien beforschen, die Verwandtschaft in unterschiedlichen archäologischen Kontexten (unterschiedliche historische Periode, Region, Quellenlage und übergreifenden Forschungsfrage) untersuchen. In interdisziplinären Workshops mit Forschenden aus der Genetik und der Archäologie werden wir unsere Ergebnisse regelmäßig diskutieren und gemeinsam erarbeiten, wie epistemische, soziale, politische und forschungsethische Herausforderung adressiert werden können. Unseres Wissens nach ist dies die erste sozialwissenschaftliche Studie, die auf aDNA-Forschung in Deutschland fokussiert, und die erste international, die sich speziell mit Verwandtschaftsfragen in der Archäologie beschäftigt.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
