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Vulnerabilität, Liminalität, Ritual – ein gesellschafts- und religionsrelevantes Machtgefüge
Antragstellerin
Professorin Dr. Hildegund Keul
Fachliche Zuordnung
Katholische Theologie
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 561309170
Die zentrale Forschungsthese des Projekts besagt: Zeiten permanenten Wandels und sich wechselseitig potenzierender Krisen in Religion und Gesellschaft erfordern klare Analysen des dynamischen Machtgefüges von Vulnerabilität, Liminalität und Ritual. Denn Liminalität ist jener turbulente Schwellenzustand, der durch das Zerbrechen tradierter Ordnungen, Hierarchien und Handlungsmuster entsteht und damit gesellschaftliche und (inter-)religiöse Krisen hervorruft. Liminalität konfrontiert mit Unbekanntem, erzeugt Unsicherheit und birgt die Gefahr des vulneranten ‚Othering‘ (Gayatri C. Spivak), die Abwertung der Anderen zwecks Aufwertung des Eigenen. Sie birgt aber auch die Chance, dass sich das Leben von Einzelpersonen, Gruppen und Gesellschaften zu ihrem Vorteil transformiert. Rituale wiederum versuchen, Liminalität zu bewältigen und die Vulnerabilität, die den Schwellenzustand markiert, in bestimmte Bahnen zu lenken. Sie treiben die Transformation, die Krisen erforderlich machen, voran. Dabei können sie die Vulneranzgefahr anheizen (bspw. Kriegsrituale) oder reduzieren (bspw. Versöhnungsrituale); sie können Resilienz schwächen (bspw. Missbrauchsrituale) oder stärken (bspw. Heilungsrituale). Daher ist der Forschungsgegenstand, das prekäre Machtgefüge von ‚Vulnerabilität, Liminalität, Ritual‘, für Religion und Gesellschaft von gravierender Bedeutung. Bislang stehen die entsprechenden Forschungsfelder, die Vulnerabilitäts- und Ritualforschung, jedoch unverbunden nebeneinander. Hauptziel des Projekts ist es daher, ‚Liminalität und Ritual‘ als Schlüsselbegriffe in die Vulnerabilitätsforschung einzuführen und damit erstmals eine tragfähige Brücke zwischen den Forschungsfeldern zu bilden. Seine besondere Bedeutung und aktuelle Relevanz liegen darin, dass es eine differenzierte Analyse des untersuchten Machtgefüges in gesellschaftlichen und (inter-)religiösen Krisen ermöglicht. Damit erweitert es die Vulnerabilitätsforschung erheblich und lässt einen Erkenntnisgewinn von interdisziplinärer Relevanz erwarten. Die geplante Grundlagenforschung untersucht die Machtwirkungen der Vulnerabilität in liminalen Ereignissen und rituellen Prozessen. Sie führt die Ritualtheorie Victor W. Turners (1920–1983) aus vulnerabilitätstheoretischer Sicht kritisch weiter. Zudem wendet sie die Analyse des komplexen Machtgefüges in Gegenwartsfragen an: zum einen in der Krise von Missbrauch, Vertuschung, Aufarbeitung der katholischen Kirche; zum anderen interdisziplinär mit der Analyse gesellschaftlicher und (inter-)religiöser Transformationsprozesse an Schnittpunkten von Migration und Religion. Da sich auch hier das Othering als problematische, weil vulneranzsteigernde Strategie erweist, eruiert das Projekt die analytische Kraft, die ‚Inkarnation als Gegenbewegung zum Othering‘ in Problemlagen der Liminalität entfaltet. Damit leistet es einen theologischen Beitrag zur Erforschung des Vulnerabilitätsdispositivs, das in der Corona-Pandemie entstand und weiterhin an Bedeutung gewinnt.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
