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Polarisierung in sozialen Kontexten: Multiple-world Experimente zur Dynamik von Meinungsbildung, Faktenwahrnehmung und kollektivem Handeln

Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Soziologische Theorie
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 561512351
 
In einer zunehmend vernetzten Welt vermitteln globale Krisen wie der Klimawandel, gewaltsame Konflikte und Migration den Eindruck einer wachsenden Polarisierung. Während Medien dabei ein Bild zunehmender Radikalisierung zeichnen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, zeigen Umfragen, dass die tatsächliche Polarisierung weniger stark ausgeprägt ist, als es die Berichterstattung und die politische Rhetorik nahelegen. Dieser Antrag basiert auf der Idee, dass schwache Polarisierung in anonymen Umfragen und starke Polarisierung in öffentlichen Diskursen keineswegs im Widerspruch stehen, sondern vielmehr komplementäre Phänomene darstellen. So zeigen Individuen in isolierten Kontexten häufig moderate Einstellungen. In sozialen Interaktionen, die von Gruppenidentitäten geprägt sind, werden jedoch affektive Polarisierungsmechanismen aktiviert, die nicht nur die Polarisierung von Meinungen und Überzeugungen verstärken, sondern auch die Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln beeinflussen. In insgesamt drei Arbeitspaketen (WPs), die jeweils ein groß angelegtes Online-Experiment (n>2000) verwenden, wird untersucht, wie unterschiedliche soziale Kontexte die affektive Polarisierung und deren Auswirkungen auf Meinungen, Überzeugungen und Handlungen beeinflussen. Diese Experimente werden dabei durch agentenbasierte Simulationen flankiert, um über die experimentellen Grenzen hinausgehende Szenarien zu analysieren. WP1 untersucht wie Meinungen in verschiedenen sozialen Kontexten entstehen und sich entwickeln. Hierfür werden makrosoziologische Multiple-World-Experimente genutzt, um zu zeigen, wie Populationen je nach den sozialen Bedingungen sowohl schwach als auch stark polarisiert erscheinen können. WP2 untersucht, wie affektive Polarisierung zu unterschiedlichen Interpretationen von Fakten und zur Entstehung abweichender „Wahrheiten“ in sozialen Gruppen führt. Dabei soll die Fragilität gemeinsamer Wirklichkeitsinterpretationen verdeutlicht werden. Ziel ist dabei unser Verständnis der sozialen Mechanismen hinter der Verbreitung von Fehlinformationen und potentieller Gegennarrativen zu erweitern. WP3 untersucht, wie affektive Polarisierung die Zusammenarbeit über politische Grenzen hinweg stören und damit kollektive Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen behindern kann. Zudem wird analysiert, inwiefern erfolgloses kollektives Handeln die Polarisierung weiter verstärkt und einen Teufelskreis schafft, der bestehende Spaltungen vertieft. Ziel des Projekts ist es, neue Erkenntnisse über Polarisierungsmechanismen zu gewinnen. Durch die Kombination soziologischer Theorien mit kontrollierten Online-Experimenten und agentenbasierter Modellierung soll ein tieferes Verständnis dafür entwickelt werden, wie individuelles und kollektives Verhalten durch Netzwerkstrukturen und soziale Dynamiken geprägt wird. Die so gewonnenen Einsichten sollen es ermöglichen, effektive Strategien zu entwickeln, um die negativen Auswirkungen affektiver Polarisierung zu mindern.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
Internationaler Bezug Italien
Kooperationspartnerinnen / Kooperationspartner Giulia Andrighetto, Ph.D.; Professor Dr. Arnout van de Rijt
 
 

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