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Das historische Denken und seine sozialen Standorte. Ein wissenssoziologischer Beitrag zur Historiographie der Professionen
Antragsteller
Dr. Karlson Preuß
Fachliche Zuordnung
Soziologische Theorie
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 566082821
Ausgehend von der Beobachtung, dass das historische Denken viele gesellschaftliche Standorte hat, schlage ich ein soziologisches Forschungsprojekt vor, das Geschichtsschreibung als soziale Praxis betrachtet und vergleichend untersucht, inwieweit diese Praxis von dem sozialen Kontext bestimmt wird, in dem sie stattfindet. Der engere empirische Fokus des Projekts liegt auf der Historiographie der Professionen, so wie sie an professionellen Fachinstituten und professional schools erforscht und gelehrt wird. Im Gegensatz zur klassischen Geschichtswissenschaft wird die Geschichtsschreibung der Professionen im Horizont praktischer Problemlagen wie der medizinischen Heilung, der Rechtsprechung und der Seelsorge praktiziert. Das Projekt geht der Frage nach, wie sich dieser Praxis- und Handlungshintergrund auf die historische Forschung und Lehre auswirkt. Es folgt der Forschungshypothese, dass die Professionshistoriographie von praktischen Interessen mitgeprägt wird, die die Beschäftigung mit der Vergangenheit in den Dienst der Verbesserung der professionellen Praxis der Gegenwart stellen. Nachdem ich mich in meiner Dissertation mit der Standortabhängigkeit der Rechtsgeschichtsschreibung befasst habe, möchte ich den Blick im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Walter-Benjamin-Stipendiums auf andere Professionsfelder ausweiten und hierzu in Zusammenarbeit mit dem Soziologen Prof. Dr. Philip Gorski zwei Jahre am Sociology Department der Yale University zur historischen Selbstbeschreibung von Medizin und Religion forschen. Gestützt auf die Wissenssoziologie Karl Mannheims, die Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus und die Professionssoziologie Everett C. Hughes‘ untersucht mein Projekt, inwiefern sich in den Geschichtsschreibungen der Medizin und Theologie pädagogische Ansprüche, die primär der Verbesserung der professionellen Praxis dienen, bemerkbar machen. Weiterhin geht es der Frage nach, wie sich die Rolle, die die Geschichte in der professionellen Ausbildung spielt, über die Zeit gewandelt hat. Hierzu möchte ich in Archivarbeiten historische Dokumente (historische Lehrbücher, Aufsätze, Vorlesungen, Biographien, Lehrpläne, etc.), in denen Theologie und Medizin ihre Fachgeschichten reflektieren, analysieren. Parallel hierzu sollen an der Yale Divinity School und der Yale Medical School teilnehmende Beobachtungen zur historischen Ausbildung angehender Theolog*innen und Mediziner*innen durchgeführt werden. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die historische Selbstbeschreibung der medizinischen und theologischen Profession in vergleichender und diachroner Perspektive zu untersuchen und zu ermitteln, wie sie sich von historischen Fremdbeschreibungen, vor allem von geschichtswissenschaftlichen Perspektiven, unterscheidet. Auf diese Weise möchte ich sowohl einen Beitrag zur Professionshistoriographie als auch zur historischen Soziologie und ihren konzeptuellen Grundlagen leisten.
DFG-Verfahren
WBP Stipendium
Internationaler Bezug
USA
Gastgeber
Professor Dr. Philip Gorski
