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Hexenpolitik jenseits der Meere. Eine neue Verflechtungsgeschichte zu England und dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation in der Frühen Neuzeit.
Antragstellerin
Professorin Dr. Rita Voltmer
Fachliche Zuordnung
Frühneuzeitliche Geschichte
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 566255938
Mithilfe eines neuen transkulturellen und vergleichenden Ansatzes möchte das Projekt eine seit langem bestehende Lücke im Bereich der Hexenforschung schließen. Bis weit in das späte 20. Jahrhundert hinein hat die englische Geschichtsschreibung mit Blick auf den englischen Hexenglauben bzw. die einschlägigen Verfolgungen einen Sonderweg im Vergleich zu den entsprechenden Phänomenen im so genannten "Kontinentaleuropa" postuliert, beruhend zum einen auf Britanniens Charakter als Insel und zum anderen auf dessen nachreformatorischer Entwicklung zu einem angeblich homogenen protestantischen Nationalstaat. Historiker:innen wurden dadurch gehindert, Magie, Zauberei, Hexerei und dämonische Besessenheit tiefergehend zu verstehen, obwohl diese Phänomene einen zentralen Einfluss auf die Politik, Religion, Kultur und Geschlechterverhältnisse im Europa der Frühen Neuzeit genommen haben. Parallel zu den Verfolgungen entwickelte sich zum Beispiel in der Literatur, der Kunst und der Publizistik eine lebhafte kulturelle Auseinandersetzung mit Vorstellungen über Hexen und Dämonen. Unser Projekt argumentiert erstens gegen die Annahme, der Inselcharakter Englands (und Irlands) habe eine Abschottung von Europa bewirkt. Vielmehr fungierten die umgebenden Meere, die Häfen und Küstenlinien als Orte des multilateralen maritimen Transfers von Menschen, Dingen und Wissen. Die Verbreitung sowie der Austausch einschlägiger Ideen und Praktiken wurde mithin befördert. Zweitens argumentieren wir, dass historische Vergleiche, welche auf modernen "nationalen" Grenzen basieren, für die Frühe Neuzeit nur von begrenztem Wert sind. Wir betrachten England und das Heilige römische Reich deutscher Nation als Gebiete von politischer, rechtlicher und konfessioneller Vielfalt, wo inter- und transregional auf unterschiedlichen sozialen, politischen und juristischen Handlungsebenen unterschiedliche Akteure bzw. Akteursgruppen agierten. Das Projekt wird die wichtigsten Transferwege und -situationen ermitteln, bei denen inter- und transregional im weitesten Sinne 'Hexenwissen' zwischen England und dem Alten Reich kursierte und welchen Einfluss dieser verflochtene kulturelle Austausch auf die allgemeinen Entwicklungen des "thinking with demons" in Europa genommen hat, insbesondere auf jene frühneuzeitlichen Akteure, die Hexenprozesse anzetteln oder einschränken konnten. Damit wird der erste systematische Vergleich der Hexenprozesse, des Hexen- und Teufelsglaubens in den Regionen Englands und des Alten Reichs vorgelegt. Anwendung findet das neue Modell der "Hexenpolitik". Der wenig hilfreichen historiographischen (und politischen) Tendenz einer getrennten Betrachtung der Geschichte Englands und "Kontinentaleuropas" soll entgegengewirkt werden. Die Einbeziehung der Kategorie "Gender" im Handlungsfeld der "Hexenpolitik" wird entscheidend zu den aktuellen öffentlichen Debatten über die Unterdrückung bzw. Ermächtigung von Frauen (als vermeintliche Hexen) beitragen.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
Internationaler Bezug
Großbritannien
Partnerorganisation
Arts and Humanities Research Council
Kooperationspartnerin
Professorin Dr. Alison Rowlands
