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Kriegsgesellschaften. Realistisches Erzählen in Zeiten des Bellizismus, 1850-1900
Antragsteller
Privatdozent Dr. Martin Schneider
Fachliche Zuordnung
Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 566360921
Ziel des Projekts ist die erste umfassende Untersuchung der Kriegsrezeption in den Erzähltexten des deutschen Realismus. Leitend ist die Frage, welche Funktion diese Texte im Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung über den Krieg erfüllten. Da sich Forschungen zum Thema 'Krieg und Literatur' seit jeher auf die Napoleonischen Kriege und die Weltkriege des 20. Jahrhunderts konzentrieren, spielt die literarische Rezeption der Kriege der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bislang kaum eine Rolle. Diese Kriege, besonders die Einigungskriege zwischen 1864 und 1871, waren jedoch für die deutsche Gesellschaft prägende Ereignisse. Die Verflechtung von Krieg und Gesellschaft im Untersuchungszeitraum ist historisch verbürgt. Das Militär wurde zu einer sozial dominanten Institution, die Einigungskriege wurden von intensiven öffentlichen Debatten und bellizistischen Diskursen begleitet, die die Verflechtung von Krieg und Nation historisch zu legitimieren versuchten. Die zwischen 1850 und 1900 entstandene realistische Erzählliteratur, so die Hypothese, reflektierte die sozialhistorischen und diskursiven Grundlagen des Bellizismus und trug selbst dazu bei, den Krieg als gesellschaftliches Ereignis zu semantisieren. Im Mittelpunkt des Projekts steht deshalb die Frage, welche unterschiedlichen Modelle des Konnex von Krieg und Gesellschaft die Erzähltexte der Zeit entwickelten und welche Fiktionen von 'Kriegsgesellschaften' sie entwarfen. Dabei sollen nicht nur die kanonisierten Werke von Autoren des 'poetischen Realismus' (Fontane, Raabe, u.a.) Berücksichtigung finden, sondern auch solche des 'populären' Realismus Spielhagens und Riehls. Durch die zusätzliche Sichtung von literarischen Zeitschriften der Epoche soll erstmals eine umfassende Bibliographie realistischer Kriegserzählungen erstellt werden. Das Projekt wird das Wechselspiel von Krieg, Gesellschaft und Literatur anhand von drei Aspekten untersuchen. Erstens die Auseinandersetzung realistischer Erzähltexte mit der bellizistischen Geschichtsschreibung, zweitens die literarische Semantisierung von militärisch-sozialen Mobilisierungen, drittens die Verarbeitung von Kriegsfolgen in der 'Nachkriegsliteratur'. Ihre Erforschung erfolgt vor dem Hintergrund sozial-, ideen- und wissensgeschichtlicher Erkenntnisse. Die Erzähltexte des Korpus werden auf damalige gesellschaftliche und militärische Praktiken bezogen und mit historischen und militärwissenschaftlichen Schriften der Zeit kontextualisiert. Die Ergebnisse sollen in einen vierten Teil einfließen, der nach einer spezifischen Kriegsästhetik realistischer Erzählliteratur fragt. Die Vernetzung mit Forscherinnen und Forschern aus dem In- und Ausland wurde im Vorfeld des Antrages sichergestellt, die Durchführung eines Workshops im zweiten Projektjahr ist geplant. Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer Monographie des Antragstellers und als Sonderheft einer internationalen Fachzeitschrift publiziert werden.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
Internationaler Bezug
Dänemark, Großbritannien, Österreich
Kooperationspartnerinnen / Kooperationspartner
Professor Dr. Anders Engberg-Pedersen; Professorin Dr. Claudia Nitschke; Professor Dr. Dirk Rose
