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Vom Müll zur Ressource: Keramik- und Knochenabfall in frühneolithischen Lebenswelten Europas

Fachliche Zuordnung Ur- und Frühgeschichte (weltweit)
Förderung Förderung seit 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 566596101
 
Die benutzten, zerbrochenen, wiederverwendeten und recycelten Dinge des täglichen Lebens - der Abfall - machen einen großen Teil der archäologischen Hinterlassenschaften aus, doch die soziale und wirtschaftliche Rolle des Abfalls und seine Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben werden oft übersehen. Um dieser Frage nachzugehen, ist ein umfassenderes Verständnis der Probleme und Potenziale der Interaktion zwischen Mensch und Müll nötig. Das frühe Neolithikum stellt ein geeignetes Labor für diesen Ansatz dar: Der Übergang zum Ackerbau ging einher mit eingeschränkter Mobilität und bedeutete, dass Abfall Teil einer neuen, "dinglastigeren" Welt wurde, mit der auf neue Weise umgegangen werden musste. Unser Projekt konzentriert sich auf "Abfalllandschaften" - wastescapes - und stellt die neolithische Keramik als Schlüsselinnovation in den Mittelpunkt, die zu hartem und dauerhaftem Abfall führt, und vergleicht die Behandlung und das Nachleben von Keramik mit dem von Knochen, einem organischen Material. Um zu erforschen, wie Müll soziale Praktiken und Räume prägte, fragen wir: Wie wirkten sich weggeworfene Gegenstände auf lokale Praktiken und Umgebungen aus, in denen sie zirkulierten? Welche Probleme und Chancen waren mit dem Leben mit Abfall verbunden? Wie wurde mit Abfall umgegangen? Hat er auch "zurückgewirkt"? Wir werden diese Fragen in einem ehrgeizigen interdisziplinären Arbeitsprogramm angehen, das sowohl etablierte Methoden als auch neuartige automatisierte digitale Techniken umfasst. Durch die Kombination von wissenschaftlicher Analyse, taphonomischen Studien und soziokultureller Interpretation wollen wir vier Fundplätze als Fallstudien untersuchen, die unterschiedliche frühneolithische Entwicklungsstränge zwischen Balkan und Ostseeküste repräsentieren (ca. 6100-4000 cal BC). Das Verständnis der Verwendungs- und Wiederverwendungsbiografien von Keramik und Tierknochen wird wichtige Fragen über die sozioökonomische Rolle, die Akkumulationsdynamik und die Residualität von Abfällen klären und die Unterschiede in den kulturellen Strategien für den Umgang mit Abfall und deren Folgen für die jeweilige Lebensweise beleuchten. Diese Studien haben weiterreichende Auswirkungen auf das Fachgebiet, da sie neue Erkenntnisse über die Entstehung von Fundplätzen und der dortigen archäologischen Hinterlassenschaften liefern werden, bei denen weggeworfene Materialien eine der umfangreichsten Datensätze darstellen und damit die Hauptgrundlage archäologischer Annäherungen an vergangene Gesellschaften sind. Auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene wird unser Projekt dazu beitragen, das Bewusstsein für alternative und nachhaltigere Formen des "Lebens mit Abfall" zu schärfen, indem es Abfall als etwas anderes als nur ein "Problem" begreift. Das Projekt wird helfen zu verstehen, dass eine "Müllkrise" ein Ergebnis historischer Bedingungen und nicht eine universelle Folge menschlichen Verhaltens ist.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
Internationaler Bezug Großbritannien
Kooperationspartnerinnen / Kooperationspartner Professorin Dr. Penny Bickle; Professor Dr. Oliver Edward Craig
Mitverantwortlich Dr. Bruno Vindrola-Padrós
 
 

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