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Die Entstehung von 'African Traditional Religion' im anglophonen Westafrika

Fachliche Zuordnung Religionswissenschaft und Judaistik
Afrika-, Amerika- und Ozeanienbezogene Wissenschaften
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 567209292
 
African Traditional Religion (ATR) ist ein Begriff, der in der akademischen und populären Diskussion im anglophonen Afrika weit verbreitet ist, um die "traditionellen" Religionen des Kontinents als eine einheitliche Kategorie zu beschreiben. Während Religionswissenschaftler:innen Konzepte wie "Weltreligionen" oder den Begriff "Religion" selbst kritisch untersucht haben, hat ATR bisher weniger Aufmerksamkeit erhalten. Angesichts des Mangels an Forschung darüber, wie nicht-westliche Wissenschaftler:innen religiöse Kategorien prägen, und angesichts der anhaltenden Marginalisierung afrikanischer Religionen innerhalb des Fachs ist es von großer Bedeutung, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dieses Projekt untersucht, wie anglophone westafrikanische Wissenschaftler:innen das Konzept von ATR im 20. Jahrhundert entwickelt haben und analysiert seine Bedeutung in vier zentralen Bereichen: (1) der Erforschung von (afrikanischen) Religion(en), (2) den historischen Entwicklungen von Dekolonisierung, Panafrikanismus, Nationalismus und afrikanischer Identität, (3) zeitgenössischen öffentlichen Diskursen und staatlichen Politiken sowie (4) den Perspektiven von Praktizierenden auf die Struktur und Praxis ihrer Religionen. Der ATR-Diskurs verortet sich im anglophonen Afrika, im frankophonen und lusophonen Kontext gibt es keinen vergleichbaren Diskurs. Dieses Forschungsprojekt konzentriert sich auf Nigeria und Ghana, da Wissenschaftler:innen aus diesen beiden Ländern eine führende Rolle bei der Formulierung und Verbreitung des ATR-Konzepts gespielt haben, sowohl in der akademischen als auch in der öffentlichen Diskussion. Mit der Gründung afrikanischer Universitäten und religionswissenschaftlicher Institute darin wird Religion ein zentraler Bestandteil postkolonialer Identitätsbildung. ATR entstand im Kontext breiterer sozialpolitischer und kultureller Bewegungen, die eine gemeinsame afrikanische Identität und kulturellen Stolz fördern wollten. Das Zusammenspiel wissenschaftlicher und populärer Überlegungen bildete die Grundlage für die Vorstellung von ATR als einem einheitlichen religiösen System für ganz Afrika, das auch als "Weltreligion" fungieren könnte. Trotz seiner Bedeutung blieb ATR weitgehend einer kritischen Analyse entzogen. Bestehende Forschungen bieten meist nur allgemeine Überblicksdarstellungen und vernachlässigen die Verflechtung des Konzepts mit der Geschichte des Fachs sowie mit gegenwärtigen religiösen Praktiken. Darüber hinaus bleibt die wachsende Instrumentalisierung des ATR-Diskurses durch Praktizierende zur Erlangung von Anerkennung in christlich dominierten Kontexten weitgehend unerforscht. Dieses Projekt schließt diese Lücken, indem es die Entstehung von ATR als akademische Kategorie, seine Zirkulation im öffentlichen Diskurs und seine nachhaltige Wirkung auf religiöse Praktiken in Ghana und Nigeria untersucht.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

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