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Qualitative Bewertungen in der Wissenschaft – Rationalität, Aggregation und Anwendungen
Antragstellerinnen
Professorin Dr. Dunja Seselja; Dr. Minkyung Wang
Fachliche Zuordnung
Theoretische Philosophie
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 567404969
Die moderne Wissenschaft wird oft mit quantitativen Methoden gleichgesetzt – Messung, statistische Tests und Wahrscheinlichkeiten. Doch qualitative Urteile sind allgegenwärtig. Von der Bewertung von Forschungsanträgen und experimentellen Designs bis zur Politikberatung verlassen sich Wissenschaftler auf qualitative Einschätzungen, wenn Wahrscheinlichkeiten fehlen oder unpraktisch sind. So nutzt der IPCC standardisierte qualitative Skalen für Evidenz, Übereinstimmung und Vertrauen. Trotz ihrer Verbreitung wurden qualitative Bewertungen kaum philosophisch oder formal untersucht. Traditionelle Modelle fokussieren auf dichotome (wahr/falsch) oder probabilistische Überzeugungen, während qualitative Skalen (z. B. sehr unwahrscheinlich, unwahrscheinlich, wahrscheinlich) unterentwickelt bleiben. Die Majority Judgment-Methode von Balinski und Laraki zeigt das Potenzial abgestufter Urteile für Wahlen oder Weinverkostungen, wurde aber nicht auf wissenschaftliche Entscheidungsprozesse übertragen. Dabei stellt die Aggregation komplexer qualitativer Evidenz besondere Herausforderungen. Uns fehlt ein fundiertes Verständnis, wie Expertenurteile auf Basis qualitativer Bewertungen sinnvoll aggregiert werden können. Diese Lücke zu schließen, ist essenziell für wissenschaftliche Deliberation und Expertenentscheidungen. Dieses Projekt entwickelt und erprobt ein neues Rahmenwerk für qualitative Urteile in der Wissenschaft. Unsere Forschung verfolgt vier Ziele. Erstens erarbeiten wir eine Epistemologie qualitativer Urteile für wissenschaftliche Sachverhalte – Hypothesen, Forschungsfragen, Projekte – in Kontexten von Grundlagenforschung bis Politikberatung. Zweitens entwickeln wir ein formales Aggregationsmodell für qualitative Urteile, das Majority Judgment für die Wissenschaft adaptiert und mit binären sowie probabilistischen Ansätzen verknüpft. Drittens wenden wir unsere Theorie auf wissenschaftliche Deliberation und „Fast Science“-Umgebungen an, um verbesserte Richtlinien für kollektive Urteile zu entwickeln. Viertens treten wir mit relevanten Akteuren in Dialog, um die Umsetzung in der wissenschaftlichen Praxis zu diskutieren. Das Projekt kombiniert Erkenntnisse aus Epistemologie, Sozialepistemologie und Wissenschaftsphilosophie mit formalen und computergestützten Methoden. Es liefert robuste Werkzeuge zur Verbesserung kollektiver wissenschaftlicher Entscheidungen und ist für wissenschaftliche Deliberation sowie Expertengremien unmittelbar relevant.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
Internationaler Bezug
Frankreich
Partnerorganisation
Agence Nationale de la Recherche / The French National Research Agency
Kooperationspartner
Dr. Thomas Boyer-Kassem
