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Literatur in Zeiten der Schriftlosigkeit: Die niederdeutsche Literatur von 1650 bis 1800. Mehrsprachige literarische Praktiken mit Niederdeutsch am Beispiel des Hochzeitsgedichts
Antragstellerin
Professorin Dr. Doreen Brandt
Fachliche Zuordnung
Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 567922774
Vom 16. bis 17. Jh. vollzog sich in Norddeutschland ein fundamentaler Sprachwandelprozess. Nachdem sich die niederdeutsche (ndt.) Schriftlichkeit in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s von der lateinischen emanzipiert hatte, kündigte sich zu Beginn des 16. Jh.s mit der Übernahme des Hochdeutschen (Hdt.) ein zweiter Schriftsprachenwechsel in der Geschichte der ndt. Sprache an, der in der Mitte des 17. Jh.s zum Abschluss kam. Erst im 19. Jh. kam es zur sog. ‚Reliterarisierung‘ der ndt. Sprache. Zugespitzt läßt sich deshalb von der Schriftlosigkeit der ndt. Sprache im Zeitraum von etwa 1650 bis 1800 sprechen. Daher stellen sich zwei Fragen – zum einen danach, wie eine Literatur in einer Sprache, die im Begriff war, ihre schriftsprachliche Geltung zu verlieren oder schon verloren hatte, eigentlich beschaffen ist, zum anderen danach, was die literarische Produktion mit Ndt. angesichts des Schriftsprachenwechsels schließlich doch ermöglicht hat. Denn die „Niederdeutsche Bibliographie“ von Conrad Borchling und Bruno Claußen (1931–1936, 1956) verzeichnet auch für diese schriftlose Phase immerhin 1619 Drucke. Ganz überwiegend handelt es hierbei um literarische Texte im engeren Sinne, darunter an erster Stelle mehr als 800 Hochzeitsgedichte. Damit deutet sich an, dass, wenn die ndt. Sprache literarisch produktiv gemacht wurde, dies am ehesten mit dem Hochzeitsgedicht geschah. Will man also die Forschungslücke schließen, die sich zwischen der mittelndt. Literatur bis zum 17. Jh. und der neundt. Literatur ab dem 19. Jh. nach wie vor auftut, und zu Erkenntnissen über die ndt. Literatur nach dem Schriftsprachenwechsel gelangen, dann führt der Weg zu diesem Erkenntnisziel über die Gattung der Hochzeitsgedichte. Das Projektvorhaben versteht sich als Forschungsbeitrag zu Fragen und Phänomenen literarischer Mehrsprachigkeit und ist demzufolge angesiedelt am Schnittpunkt von Literatur- und Sprachwissenschaft. Geplant ist eine typografische, literarische und sprachliche Analyse eines Korpus aus 182 Drucken mit ndt. und hdt. Hochzeitsgedichten in zweifach komparatistischer Perspektive: Zum einen werden Gattungsvertreter aus zwei Orten bzw. Regionen vergleichend untersucht. Grundlage dafür bildet je ein Korpus von Gedichten aus Bremen und Rostock. Zum anderen sind diese Ortskorpora aus ndt. und aus hdt. Hochzeitsgedichten zusammengesetzt, so dass auch eine Verhältnisbestimmung zwischen ndt. und hdt. Texten umgesetzt werden kann. Mit den skizzierten Analysen soll die Hypothese überprüft werden, dass die Hochzeitsgedichte das Ergebnis literarischer Praktiken mit Ndt. sind und diese Praktiken das Fortbestehen der ndt. Literatur auch nach dem Schriftsprachenwechsel gesichert haben.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
