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Jüdische Höhere Bildung im Zivilisationsbruch. Eine Intellectual History der Spätphase der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums
Antragsteller
Dr. Felix Steilen
Fachliche Zuordnung
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 568086451
Dieses Vorhaben zielt auf eine Intellectual History der Spätphase des liberalen Berliner Rabbinerseminars, der bedeutendsten Institution jüdischer Höherer Bildung in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Indem Flucht, Auswanderung und Exil ihrer Angehörigen in eine umfassende Darstellung der Institution und ihrer Folgen miteinbezogen werden, lässt sich das Ende der Einrichtung gänzlich erfassen und über eine Zerstörungs- und Vernichtungsgeschichte hinaus beschreiben und analysieren. Arbeitshypothese ist, dass die Hochschule (1.) unter den antagonistischen Bedingungen der späten Weimarer Republik und der beginnenden NS-Zeit zu einer kleinen jüdischen Universität in Berlin wurde, aber (2.) kurz darauf - spätestens nach den Novemberpogromen 1938 - wieder in Auflösung begriffen war. Ihre Angehörigen haben Deutschland in alle Himmelsrichtungen verlassen, wurden zwangsdeportiert und in der Shoa ermordet. Diese zweifache Entwicklung - zuerst Verdichtung und Expansion in Richtung einer jüdischen Akademie oder Universität, unmittelbar darauf Zerstörung und Vertreibung, müssen historisch rekonstruiert werden: Leitend ist dabei die Überlegung, dass die Hochschule 1942 weiterlebte, sofern ihre Gelehrten, die sich retten konnten, weiterlebten. Gleichzeitig wird analysiert, welche Formen jüdischen Wissens in den Zielländern der Flucht neu produziert, gelehrt und zirkuliert wurden. Wie konnte in der Hauptstadt NS-Deutschlands eine kleine, inoffizielle jüdische Universität fortbestehen? Dazu gehört der kurzzeitige, paradoxe Aufstieg der jüdischen Bildung nach 1933: Gesetzgebung und Antisemitismus bewirkten - als unintendierte Nebenfolgen ein quantitativen und qualitativen Anstieg jüdischer Bildung. Methodologisch bietet sich die Intellectual History an, da viele bedeutende Deutsch-Jüdische Gelehrte an der Einrichtung waren: die Religionsphilosophen Hermann Cohen, Julius Guttmann und Max Wiener, Historiker wie Selma Stern und Ismar Elbogen, der Bibelwissenschaftler Harry Torczyner, der Volkswirtschaftler Franz Oppenheimer, Rabbiner Leo Baeck, der Theologe Abraham Heschel, die erste weibliche Rabbinerin Regina Jonas, der politische Philosoph Leo Strauss und der späte Franz Kafka. Gefragt wird, wie sich die Institution sich zu den Anforderungen des deutschen Staates und seines Bildungswesens verhielt und unter widrigen Bedingungen eine geisteswissenschaftliche Bildung garantierte. Schließlich wird gefragt, was die konkreten Inhalte von Forschung und Lehre waren, auch mit Blick auf einen spezifischen Begriff von Bildung. Die Hochschule war die zentrale Ausbildungsstätte des liberalen Judentums in der größten jüdischen Gemeinde des Reichs und steht pars pro toto für die liberale Judenheit. Ziel des Vorhabens ist eine Monographie zur Spätphase der Hochschule, unter Berücksichtigung von Nachleben und Exil und unter Einbeziehung der Rückkehr von Vertriebenen.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
