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Reproduktion, Arbeit, Ästhetik. Stillen und Literatur im langen 19. Jahrhundert
Antragstellerin
Dr. Pola Groß
Fachliche Zuordnung
Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 569201666
Das geplante Forschungsprojekt möchte mit dem Stillen einen zentralen, aber bislang wenig erforschten Bereich weiblicher Sorgetätigkeit in der deutschsprachigen Literatur des langen 19. Jahrhunderts in den Fokus rücken und zugleich die biologische Reproduktion ins Verhältnis zu dem sich seit 1800 neu herausbildenden Kunst- und Arbeitsbegriff setzen. Dadurch soll auch das Verhältnis von körperlicher Reproduktion und literarischer Produktion neu perspektiviert werden. Das Projekt beabsichtigt erstens, das komplexe Wechselverhältnis von Literatur und zeitgenössischem populärwissenschaftlichem Diskurs um das Stillen zu untersuchen und damit eine doppelte Forschungslücke zu schließen: Stillen im 19. Jahrhundert wurde bislang weder als Thema oder Motiv der Literatur analysiert, noch wurden die literarischen Texte im Zusammenhang der sozioökonomischen Gemengelage aus Biopolitik, Frauen- und sozialer Frage und Interesse der Industrie an der Produktion von Säuglingsnahrung betrachtet. Das Projekt geht von der Beobachtung aus, dass insbesondere einige literarische Texte die Fragilität des seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert etablierten Narrativs der ‚natürlich‘ stillenden Mutter als Garantin der bürgerlichen Familie offenbaren: Nur selten stillt hier die leibliche Mutter selbst. Diese Texte bieten alternative Erzählungen zu zeitgenössisch dominanten Narrativen des Stillens und damit verbundenen Geschlechterrollen und Imaginationen von Familie an, die noch nicht untersucht sind. Zweitens möchte das Projekt zu einer Analyse des Verhältnisses von Reproduktion und Arbeit beitragen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Figur der Amme, die nicht nur die Grenzen der ‚natürlich‘ stillenden Mutter aufzeigt, sondern auch die als getrennt gedachten Sphären von männlicher Berufsarbeit und weiblicher Nicht-Arbeit durchkreuzt. Daran schließt die dritte Fragestellung des Projekts nach einer Neuperspektivierung des Verhältnisses von körperlicher Reproduktion und literarischer Produktion an. Durch den Fokus auf die um 1800 entstehenden, an männliche Originalität gebundenen Gebärphantasien wurde der Zusammenhang von biologischer Reproduktion und ästhetischer Schöpfungskraft in der Literatur von Autorinnen bislang übersehen. Dagegen verfolgt das Projekt die These, dass einige Autorinnen aus der diesen im zeitgenössischen Diskurs zugewiesenen Position – der der biologischen Reproduktion – eine Ästhetik entwickeln, die Körperlichkeit und Sorgepraktiken zu Ausgangspunkt und Bedingung literarischer Kreativität macht. Mit der zunächst heuristischen Kategorie einer solchen ‚reproduktiven Ästhetik‘ soll ein alternatives, bisher unbeachtet gebliebenes Modell von Autorschaft herausgearbeitet werden. Zu den Voraussetzungen einer solchen Neuperspektivierung des Verhältnisses von Geschlecht und Ästhetik gehört auch der im Projekt zu erbringende Nachweis, dass die soziale Wirklichkeit der Geschlechterverhältnisse den Hintergrund aller Modellierungen von Ästhetik und Autorschaft bildet.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
Internationaler Bezug
USA
Kooperationspartnerin
Professorin Dr. Stefani Engelstein
