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Leistung und Pathologisierung

Antragsteller Professor Dr. Ralf Mayer
Fachliche Zuordnung Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 569432625
 
Leistung erweist sich in pädagogischen Zusammenhängen als umstrittener Begriff. Dessen Anspruch, individuelle Anstrengungen, Fähigkeiten, Autonomie und Verantwortung zu betonen und mit spezifischen Anforderungen (etwa in Bildungsinstitutionen) zu vermitteln, wird kontrovers diskutiert. Strittig bleiben ebenso Versuche, die Relevanz von Leistung mit Blick auf ungleiche Partizipations-, Gestaltungs- und soziale Positionierungsmöglichkeiten eindeutig zu bestimmen. Gleichwohl wird dem Leistungsbegriff hinsichtlich erziehungswissenschaftlicher Herausforderungen sowie gesellschaftlicher Selektionsprozesse eine kaum angefochtene Ordnungsfunktion zugesprochen. Demgegenüber nehmen die öffentlichen Debatten um die Zunahme von Belastungsphänomenen, (Verhaltens-)Auffälligkeiten oder Störungen Aspekte auf, die sich gegen durchgängige Leistungsanforderungen auch im Bildungswesen richten. Eine Oppositionsbildung zwischen Leistung und pathologisierenden Bewertungen repräsentiert aber nur eine mögliche Justierung. So nutzt der Befund einer Beeinträchtigung, einer 'Schwäche' usw. vielfältige Bezüge zum Fähigkeits- oder Kompetenzbegriff. Die Anerkennung einer Krankheit 'teilt' in dieser Hinsicht bestimmte Aspekte des Leistungsspektrums - und artikuliert ein Problem bzw. eine Zäsur. Darüber hinaus greift im Bildungsbereich im Zuge von normativen Kriterien wie Chancengleichheit die Frage nach ausgleichenden Bemühungen, insofern die Referenz auf individuelle Leistungsfähigkeit weiterhin die Produktion von Unterschieden legitimiert. Die 'Ausgleichsformen' reichen von kompensatorischen Unterstützungsmöglichkeiten, über unterschiedliche Ausprägungen eines Nachteilsausgleichs, bis hin zu einem institutionalisierten Fördersystem oder inklusiven Konzepten. Im Projekt interessiert diesbezüglich die konkrete Referenz auf Pathologisierungs -und Leistungsmotive und die Verhandlung entsprechender Vorstellungen, Probleme, Potentiale und Anstrengungen unterschiedlicher Akteur:innen. Aus diesen kontroversen Konstellationen resultieren ebenso vielgestaltige Anfragen an allgemeine erziehungswissenschaftliche Überlegungen im Rahmen der Begriffsbildung, der Diskussion um Partizipation, Chancengleichheit oder Bildungsgerechtigkeit, wie auch an aktuelle Debatten um Schule. Die elementare theoretisch wie empirisch zu differenzierende Forschungsfrage lautet: In welcher Weise ist der Alltag in der Institution Schule von Leistungsanforderungen geprägt und wie verändert sich die Orientierung an Leistungskriterien, wenn in einer Schulklasse bzw. bei bestimmten Schüler:innen spezifische Bedarfe, Schwächen, Störungen usw. zum Thema werden? Zur Bearbeitung dieser Frage werden zum einen Interviews mit Expert:innen im institutionellen Feld der Schule durchgeführt. Das Forschungsvorhaben analysiert zum anderen fachliche und öffentliche Diskurse, um die hegemonialen Auseinandersetzungen um Leistung und Pathologisierung in ihrer Bedeutung für pädagogische Frage- und Problemstellungen herauszuarbeiten.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

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