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Wem gehört die Straße? Städtische Automobilität und gesellschaftliche Konflikte in Washington, DC und São Paulo, 1910-1940

Antragsteller Dr. Mario Peters
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung seit 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 569937966
 
Das vorliegende Forschungsprojekt befasst sich mit der Geschichte der urbanen Mobilität in den USA und Brasilien im frühen 20. Jahrhundert. Anhand der Fallbeispiele Washington, DC und São Paulo werden die gesellschaftlichen Konflikte, die die Verbreitung des Automobils zwischen 1910 und 1940 auslöste, aus vergleichender und transnationaler Perspektive untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es dazu kam, dass traditionelle Funktionen der Straße und alternative Fortbewegungsformen, insbesondere das Zufußgehen, zugunsten des motorisierten Personenverkehrs zunehmend reguliert, kontrolliert und eingeschränkt wurden. Um diese Frage zu beantworten, untersuche ich erstens, wie automobilfreundliche Lobbygruppen in beiden Ländern auf die Priorisierung des Autoverkehrs hinarbeiteten und dabei auf internationaler Ebene miteinander kooperierten. Zweitens untersuche ich die kontrovers geführten Debatten über Straßennutzung und Verkehrssicherheit und ergründe, wie die nichtmotorisierte Bevölkerung auf die mit dem Automobil einhergehenden Verdrängungsprozesse und Gefahren reagierte. Das Vorhaben ist auf die Erstellung einer wissenschaftlichen Monographie ausgerichtet und soll am Deutschen Historischen Institut Washington durchgeführt werden. Das Projekt widmet sich einem Thema, das sowohl für die USA als auch für Brasilien ein Desiderat darstellt. Komparative und transnationale Arbeiten zu frühen Konflikten um urbane Mobilität liegen für die Amerikas noch nicht vor. Ich greife diese Forschungslücke auf und untersuche die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wer das Recht hatte, Straßen auf eine bestimmte Weise zu nutzen. Basierend auf der Analyse von offiziellen Dokumenten, Polizeiakten, Tageszeitungen, Automagazinen, Expertenstudien, Kartenmaterial und Fotos ergründe ich, wie sich Stadtregierungen, Polizei, Fußgänger:innen, die Presse, Automobilorganisationen und Verkehrsexpert:innen in Konflikten um die Straßennutzung und Verkehrssicherheit positionierten. Mit Washington und São Paulo werden zwei Städte untersucht, die zu Zentren der transnationalen Zusammenarbeit zwischen Automobilorganisationen wurden und sich auch für den angestrebten Vergleich anbieten: beide Städte hatten bereits in den 1920er Jahren hohe Motorisierungsraten und galten als autofreundliche Metropolen. Gleichzeitig gab es in beiden Städten vielfältige Einwände gegen die zunehmende Dominanz des Automobils im öffentlichen Raum. Mit den Jahren 1910 bis 1940 nimmt die Studie eine Zeit in den Blick, in der die Zukunft des städtischen Verkehrs keineswegs entschieden war. Entgegen der landläufigen Annahme, dass der Siegeszug des Automobils unausweichlich war, soll die Automobilisierung als kontingenter und konfliktbehafteter Prozess begriffen werden, in dem auch Kritiker:innen des Automobils Handlungsmacht besaßen. Gleichzeitig wird den historischen Ursprüngen einer ausgeprägten Abhängigkeit vom Automobil, die urbane Räume in den Amerikas bis heute prägt, nachgegangen.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

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