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Unsichtbare Verbindungen: Transdomestizität von Haushalten im globalen Vergleich
Antragsteller
Professor Dr. Daniel Bultmann; Dr. Florian Stoll
Fachliche Zuordnung
Empirische Sozialforschung
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 572498610
Das Forschungsprojekt untersucht die vielfältigen Formen von Haushalten in urbanen Kontexten des Globalen Südens – in Nairobi (Kenia), Karatschi (Pakistan) und Phnom Penh (Kambodscha) – sowie in Berlin als dekolonialem Vergleichsfall. Im Zentrum steht die These, dass klassische Definitionen von Haushalten als räumlich begrenzte und auf die Kernfamilie beschränkte Einheiten mit gemeinsamen wirtschaftlichen Aktivitäten empirisch unzureichend sind. Stattdessen begreift das Projekt Haushalte als transdomestische Kollektive, die multilokal, fluide und durch sichtbare wie unsichtbare Beiträge zur sozialen Reproduktion geprägt sind. Dazu zählen etwa Care-Arbeit, finanzielle Unterstützung, spirituelle Praktiken oder digital vermittelte Dienstleistungen. Städtische Zentren sind Brennpunkte sozialen Wandels, da hier gut bezahlte Arbeitsplätze, neue Lebensweisen und bestehende soziokulturelle Muster aufeinandertreffen. Die ausgewählten Forschungsorte unterscheiden sich jedoch in so vielfältiger Weise, dass stark divergente Formen von Haushalten zu erwarten sind. Das Konzept der Transdomestizität macht jene Verbindungen sichtbar, die außerhalb formaler Strukturen und jenseits westlich geprägter Familienmodelle zur Haushaltskonstitution beitragen – von wirtschaftlichen Beziehungen mit Verwandten und dem Zusammenleben mit Nachbar:innen über die Bedeutung von Hausangestellten bis hin zu Geistern, Tieren oder Objekten. Mittels qualitativer Methoden wie Tagebüchern, Interviews und ethnografischen Beobachtungen werden Zusammensetzung und Dynamik von Haushalten rekonstruiert. Die Forschung ist intersektional und postkolonial informiert und berücksichtigt Geschlechterverhältnisse, Rassifizierungen und Klassenzugehörigkeiten. Zudem reflektiert sie die eigene epistemische Positionalität durch das Prinzip des Reversing the Gaze, das auch einen aktiven Beitrag von Forscher:innen aus den jeweiligen Untersuchungskontexten einschließt. Ziel ist eine kontextsensitive Typologie und Theoretisierung von Haushaltsformen, die bestehende – vor allem westliche – Modelle herausfordert und erweitert. Durch den globalen Vergleich wird Haushaltsforschung „provinzialisiert“ und auf eine neue, dezentralisierte Grundlage gestellt. Damit leistet das Projekt einen innovativen Beitrag zur globalen Soziologie, zur Sozialstrukturanalyse und zur Erforschung sozialer Ungleichheiten.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
