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Habitabilität: Ein soziologisches Konzept? – Konstellationen der Bewohnbarkeit im Anthropozän aus gesellschaftstheoretischer Sicht. Versuch einer interkulturellen Positionierung

Antragsteller Dr. Martin Repohl
Fachliche Zuordnung Soziologische Theorie
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 573183165
 
Ziel des Projektes ist eine systematische Erschließung des Begriffs Habitabilität als Schlüsselkonzept für eine erweiterte Gesellschaftstheorie im Anthropozän. Ursprünglich in den Erd- und Klimawissenschaften verortet, gewinnt das Konzept planetarer Bewohnbarkeit zunehmend interdisziplinäre Relevanz. Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Bewohnbarkeit nicht allein geophysikalisch determiniert ist, sondern als ko-produktives Resultat der Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt zu betrachten ist. Diese reichen bis in die gesellschaftliche Ordnungsbildung hinein. Dabei rückt die Frage nach den Voraussetzungen und Bedingungen von Habitabilität verstärkt in einen sozialwissenschaftlichen Fokus. Das betrifft insbesondere die Rolle, die nicht-menschliche Entitäten, ökologische Prozesse und biologische Symbiosen in der Konstitution von Gesellschaft spielen. Vor dem Hintergrund der globalen Umweltveränderung kann Bewohnbarkeit im Anthropozän nicht mehr als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt werden. Vielmehr ist sie als emergentes Resultat relationaler Verflechtungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren zu begreifen, deren systematische Analyse ein zentrales Desiderat gegenwärtiger Gesellschaftstheorie darstellt. Im Zentrum des Projekts steht daher die Frage, wie Habitabilität aus soziologischer Perspektive zu konzeptionieren ist, welche Entitäten, Prozesse und relationalen Konstellationen zu berücksichtigen sind und welche theoretischen Implikationen sich daraus für Nachhaltigkeit, Interkulturalität und die Rolle der Soziologie im Anthropozän ergeben. Das Vorhaben verfolgt drei zentrale Ziele: Erstens wird der analytische Gegenstand, der unter Habitabilität adressiert wird, gesellschaftstheoretisch präzisiert. Zweitens werden die mit dem Konzept verbundenen Phänomene, Akteure und Beziehungskonstellationen differenziert und typologisiert. Drittens werden die gesellschaftstheoretischen Potenziale des Begriffs herausgearbeitet, insbesondere im Hinblick auf die Notwendigkeit, eurozentrische und anthropozentrische Engführungen tradierter Theorieangebote zu überwinden. Hierbei kommt dem japanischen Konzept des Fudo eine zentrale Relevanz zu: Fudo beschriebt eine elaborierte Theorie der Bewohnbarkeit, die mit einem erweiterten Gesellschaftsbegriff jenseits der eurozentrischen Natur/Kultur-Unterscheidung operiert, aber in hiesigen Debatten bisher unbeachtet bliebt. Das Projekt erschließt damit ein doppeltes gesellschaftstheoretisches Desiderat und eröffnet einen interkulturellen soziologischen Dialog im Zeichen des Anthropozän, um alternative Verständnisse von Natur, Gesellschaft und Subjektivität zu berücksichtigen. Ziel ist es, eine heuristische Theoriefigur zu entwickeln, die Habitabilität als relationale und gesellschaftlich konstituierte Qualität begrifflich erfasst, analytisch differenziert und so die Perspektive einer interkulturell erweiterten Soziologie planetaren Zusammenlebens eröffnet.
DFG-Verfahren WBP Stipendium
Internationaler Bezug Japan
 
 

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