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Erkennbare Wirkungen ohne erkennbare Ursachen: Kants Philosophie der „Biologie” und ihr wissenschaftliches Vermächtnis

Fachliche Zuordnung Geschichte der Philosophie
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 573944210
 
Das vorliegende Projekt untersucht Kants Philosophie der Biologie und stellt dabei die Frage: Inwiefern stellt Kants kritische Philosophie eine Herausforderung für traditionelle und gegenwärtige Notionen von Leben, Organismus und Biologie als Wissenschaft dar? Ziel ist es, drei zentrale Thesen zu entwickeln und zu verteidigen, die gängige Annahmen in den philosophischen Grundlagen der Biologie im Anschluss an Kant in Frage stellen. Erstens ist in Kants theoretischem Rahmen der Begriff des Lebens untrennbar mit dem Begehrungsvermögen verknüpft. Im Gegensatz zu heutigen biologischen Definitionen, die alle selbst-organisierenden Systeme als „lebendig“ einstufen, beschränkt Kant wahres Leben auf Wesen, die gemäß Vorstellungen handeln können. Da Pflanzen kein Begehrungsvermögen besitzen, gelten sie im vollen Sinne der kantischen Philosophie nicht als lebendige Wesen. Diese These fordert eine Neubewertung dessen, was es bedeutet, philosophisch über Leben nachzudenken – jenseits der Kriterien von Organisation und metabolischer Selbsterhaltung. Zweitens haben weder Blumenbach noch Darwin das Ideal eines „Newton des Grashalms“ erfüllt. Dies liegt nicht nur daran, dass sie biologische Prinzipien nicht einheitlich begründen konnten, sondern vor allem daran, dass sie das tiefere metaphysische Problem, das Kant identifiziert, nicht adressierten: den Ursprung lebender Organismen aus toter Materie. Ihre Beiträge zur empirischen Biologie und Naturgeschichte blieben in Erklärungsmodellen verhaftet, die Kants ontologischer Unterscheidung zwischen Materie und Leben ausweichen. Drittens ist Kants Vermächtnis in der modernen systematischen Biologie weiterhin erkennbar – wenn auch implizit. Biologen wie von Bertalanffy sowie Maturana & Varela haben den Begriff der Selbstorganisation radikalisiert und die Grenzen mechanistischer Erklärung neu bestimmt. Im Gegensatz dazu vertritt Robinson eine konsequent zurückhaltende Position hinsichtlich der Zuschreibung repräsentationaler Fähigkeiten an nicht-menschliche Organismen, insbesondere Pflanzen. Seine Zurückhaltung gegenüber Anthropomorphismus spiegelt ein differenziertes philosophisches Erbe von Kants Weigerung wider, Begehrungs- oder Vorstellungsvermögen ohne hinreichende Begründung anzunehmen. Diese drei Thesen schlagen eine Neuinterpretation von Kants Philosophie der Biologie und ihrer impliziten Wirkungsgeschichte in den Lebenswissenschaften vor.
DFG-Verfahren Stelle
 
 

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