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Reichskanzler Leo Graf von Caprivi (1890-1894) - Auftakt zu einer digitalen Edition der Akten der Reichskanzlei 1890-1894
Antragsteller
Professor Dr. Bernhard Löffler
Fachliche Zuordnung
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 576609802
Wie wurde das Deutsche Kaiserreich eigentlich regiert? Diese Frage spielte in der hitzigen Debatte über den Charakter des Reichs – nicht reformfähiger Machtstaat (E. Conze), moderne, jedoch ambivalente Potenziale (C. Nonn), ab 1900 mit einem durchaus positiven Narrativ (H. Richter) – eine zentrale Rolle. Bisher fehlte allerdings für die Regierungspraxis, das konkrete Verwaltungshandeln und die Organisation des politisch-administrativen Alltags eine hinreichend breite Quellenbasis. Dieses Defizit soll die digitale Auswahledition beheben und damit zur Klärung zahlreicher Fragen beitragen: Welchen Einfluss hatten die einzelnen Akteure des Institutionengeflechts (Reichskanzler, Reichsämter, preuß. Regierung, Kaiser, Reichstag, Bundesrat, preuß. Landtag, Geheime Kabinette)? Wie und durch wen wurden die Regierungsakte vorbereitet und entschieden? Welche Konstanten und Veränderungsprozesse gab es? Wurde die Stellung Preußens schwächer, wuchs gleichzeitig die Bedeutung von Experten? Wo sorgte die föderalistische Ordnung für Konflikte, wo für Kooperationen oder Verflechtungen? Entstand aus dem Verwaltungshandeln eine Eigendynamik und eine Beamtenschaft als Größe sui generis, mit denen eine Professionalisierung einherging, sich aber auch spezifische Verwaltungskulturen und interne soziale Umgangsformen etablierten? In einem Pilotprojekt sollen diese Themen für die Regierungszeit des Reichskanzlers Leo v. Caprivi (1890-94) und exemplarisch für einzelne Handlungs- und Themenfelder (Heeresstärke, Handels-, Steuer- und Kolonialpolitik, Stellung der Frauen) dokumentiert und untersucht werden. Dazu wurden im Rahmen einer einjährigen Machbarkeitsstudie bereits umfangreiche Archivrecherchen geleistet und v.a. Bestände des Bundesarchivs (Berlin, Koblenz, Freiburg) wie des Geh. Staatsarchivs Preuß. Kulturbesitz (Berlin) erhoben. Um die vielfältigen Interdependenzen der Institutionen erfassen zu können, bedient sich das Projekt methodisch eines differenzierten interdisziplinären Zugriffs. So sollen u.a. die Kategorien von „Regieren“ und „lebender Verwaltung“, wie sie T. Ellwein mit Betonung von permanenten inkrementellen Anpassungslogiken und informellen Regeln im „Tagesgeschäft“ geprägt hat, fruchtbar gemacht und verbunden werden mit Erklärungsmodellen der Neuen Institutionenökonomik, der politischen Kulturgeschichte und solchen zum politischen Mehrebenensystem. Das gilt konkret mit Blick auf Auswahl, Einleitung, Kommentierung und Einordnung der edierten Dokumente, grundsätzlicher aber noch, um durch diese Kombination aus empirischer Dichte und geweiteter Analyseoptik die Forschungsdebatte auf ein neues Fundament zu stellen. Erweist sich die digitale Auswahledition als tragfähig, wird die HiKo mit Eigenmitteln die „Akten der Reichskanzlei“ bis 1918 fortsetzen, die die bereits vorliegenden digitalen Editionen zur Weimarer Republik und ab 2025 auch zur Regierung Hitler (1933/34-1939) ergänzen und damit auch die enge Kooperation mit dem Bundesarchiv fortführen.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
