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Die Konfiguration von Nuklearen Landschaften: Ökologische Folgen des sowjetischen Atomprojekts und ihre (verdrängte) Aufarbeitung in Russland und Kasachstan (1986-2024)

Antragstellerin Dr. Olga Nikonova
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 577377778
 
Das Streben der Sowjetunion nach nuklearer Modernität wirkte sich nicht nur auf Umwelt und Körper aus. Zugleich entstanden Narrative und spezifische Erinnerungsräume als diskursiv konstruierte Schauplätze des sowjetischen Atomprojekts. Diese werden im Antrag als „Nukleare Landschaften” bezeichnet. Am Beispiel der drei radioaktiv kontaminierten Zonen – des ehemaligen Atomwaffentestgeländes Semipalatinsk, des Gebiets im Südural (Kyschtym-Unfall) und des Militärtestgeländes Totsk – wird untersucht, wie Wissen, Erinnerung und offizieller Diskurs über die Folgen der sowjetischen Nuklearmoderne während der Perestrojka-Zeit sowie in der gegenwärtigen Erinnerungskultur in Russland und Kasachstan öffentlich kommuniziert und medialisiert oder aktiv verdrängt bzw. normalisiert wurden. Aufbauend auf Überlegungen von Linda Nash und Rob Nixon wird davon ausgegangen, dass sich kontaminierte Ökosysteme vor allem im menschlichen Körper äußern. Die spezifischen räumlich-zeitlichen Konstellationen aus politischem System, wirtschaftlichen Bedingungen und lokalen kulturellen Praktiken werden mit dem Begriff Konfiguration gefasst. Die beantragte Studie verbindet Umweltgeschichte, Medien- und Kommunikationsgeschichte und Kulturgeschichte; sie beleuchtet, wie autoritäre Regime traumatische Erfahrungen verarbeiten, und untersucht deren politische sowie gesellschaftliche Langezeitfolgen – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller energiepolitischer Entscheidungen. Das Projekt fragt, warum in Kasachstan und Russland keine nachhaltige Verbindung zwischen Erinnerung, nationaler Identität und Verantwortung gegenüber strahlengeschädigten Menschen entstanden ist. Die Studie vergleicht Erinnerungspraktiken seit der Perestroika bis 2024 und richtet den Blick auf bislang wenig erforschte Regionen. Sie trägt zu einem besseren Verständnis des nuklearen Erbes der Sowjetmoderne über den Tschernobyl-GAU hinaus bei und zeigt, wie die verdrängte Aufarbeitung dieses Erbe zu riskanten technologiepolitischen Entscheidungen in der Gegenwart führen kann. Für Russland liegt schon eine breite Materialbasis durch abgeschlossene Archivrecherchen und die Identifikation digital zugänglicher Quellen vor; die kasachischen Bestände sind zwar bekannt, müssen aber noch systematisch ausgewertet werden. Die erfahrene Projektbearbeiterin hat sich mit den international führenden historischen Expert:innen zum Thema gut vernetzt.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
Internationaler Bezug Norwegen, USA
 
 

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