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Jugendliche, Schulen und Polizei: Zur Prävention von Jugenddelinquenz in vielfältigen Gesellschaften (JUSUP)

Antragsteller Dr. Christof Nägel
Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 578187812
 
Vorherrschende Erklärungsansätze für Jugendkriminalität betonen moralische Einstellungen, Selbstkontrolle, kriminelle Freundesgruppen sowie Übergangsdynamiken während der Adoleszenz. Obgleich diese Einsichten wichtig sind, stellen diese unmittelbaren Ursachen nicht die zugänglichsten Ansatzpunkte für die Prävention von Jugendkriminalität dar. Zudem neigen diese Ansätze dazu, die Ursachen der Delinquenz ausschließlich Jugendlichen zuzuschreiben. Für eine umfassende soziologische Analyse sind das weitere soziale Umfeld und institutionelle Akteure zu berücksichtigen. Die Forschungsgruppe wird sich auf zwei distale Ursachen konzentrieren, durch die gesellschaftlich auf Jugendkriminalität reagiert und ihr vorgebeugt werden kann und die in öffentlichen und politischen Debatten eine prominente Rolle einnehmen: schulische Sozialpolitik als Quelle informeller sozialer Kontrolle sowie Polizeiarbeit als Instrument formeller sozialer Kontrolle. Die Forschungsgruppe nutzt die seltene Gelegenheit, dass das bundesweite Startchancen-Programm – ein 20-Milliarden-Euro-Paket zur Förderung benachteiligter Schulen in ethnisch diversen Sozialräumen – zeitlich mit der groß angelegten schulbasierten Befragung Freundschaft und Gewalt im Jugendalter 2024-2026 zusammenfällt. Durch eine zusätzliche Erhebung im Jahr 2027 soll ein gestaffeltes Differenz-von-Differenzen-Design von am Programm teilnehmender und nicht-teilnehmender Schulen realisiert werden, ergänzt durch Regressionsdiskontinuitäts- und komparative Zeitreihenanalysen mit administrativen Polizeidaten. Damit können die Effekte schulischer Investitionen auf delinquentes Verhalten und die zugrunde liegenden vermittelnden Mechanismen erstmalig einem strikten Kausaltest unterzogen werden. Parallel wird die Rolle der Polizei als Instanz formeller sozialer Kontrolle untersucht. Neben klassischen Befragungsindikatoren enthält die geplante Schülerbefragung ein Vignettenexperiment, das unterschiedliche Formen polizeilicher Diskriminierung variiert. Auf diese Weise lassen sich die Mechanismen analysieren, durch die polizeiliche Erfahrungen Legitimitätsüberzeugungen und Regelbefolgung stärken oder unterminieren. Mithilfe der längsschnittlichen Daten zu Freundschaftsnetzwerken der befragten Schüler*innen soll weiterhin erfasst werden, inwieweit auch indirekte Erfahrungen mit der Polizei vermittelt über Peers und individuelle Normorientierungen relevant sind. Auf Basis dieser gezielten Kombination von Methoden verspricht die Forschungsgruppe neue Einsichten von hoher wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Zudem leistet das Projekt einen methodologischen Beitrag zur kausalanalytischen Theorieprüfung, indem der Einfluss formeller und informeller Kontrolle auf Jugenddelinquenz in einem übergreifenden Forschungsrahmen integrativ und methodisch robust untersucht wird.
DFG-Verfahren Emmy Noether-Nachwuchsgruppen
 
 

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