Detailseite
Projekt Druckansicht

"Co-produziert mit Natur". Post-anthropozentrische Produktionsbeziehungen im Weinberg

Fachliche Zuordnung Humangeographie
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 578264425
 
Der Weinberg steht paradigmatisch für durch Beherrschung und Extraktivismus gekennzeichnete Naturverhältnisse: Monokultur, Pestizideinsatz und schwere Maschinen führen vielerorts zu starker Degradation des Bodenlebens. Der Weinberg steht jüngst aber auch für alternative Produktionspraktiken, die respektvolle, nachhaltige und gesunde Beziehungen zur nicht-menschlichen Mitwelt aufbauen wollen. Solchermaßen arbeitende Winzer*innen sehen Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen primär als Mitstreiter in ihrem landwirtschaftlichen Tun. Das beantragte Projekt fasst solches Mensch-Mitwelt-Miteinander als Co-Produktion. Mit dem Verständnis von Produktion als eine mehr-als-menschliche Praxis schließt das Projekt an Forderungen unterschiedlicher Wissenschaftsfelder an, der Lebendigkeit der nicht-menschlichen Mitwelt konzeptionell wie empirisch größere Aufmerksamkeit zu widmen. Zum einen, um ihrer Rolle für bislang rein anthropozentrisch oder ökonomisch konzipierte Prozesse gerecht zu werden, zum anderen um angesichts der aktuellen Krisen von Klimawandel und Artensterben zu neuen Formen des Miteinanders zu gelangen. Ausgangsthese des Projektes ist, dass co-produktive Praktiken durch vier zentrale Dimensionen erschließbar sind, nämlich Philosophie, Kontrolle, Fürsorge und Lernen. Ziel ist es, Co-Produktion entlang der vier Dimensionen empirisch zu fundieren und konzeptionell auszuarbeiten. Die vier Teilziele lauten entsprechend: 1. Wie konzipieren Winzer*innen ihr Verhältnis zu nichtmenschlicher Mitwelt in Produktions-prozessen? 2. Wie kontrollieren Winzer*innen co-produktive Praktiken, welche Spielräume räumen sie nicht-menschlichen Co-Produzenten ein und wie? 3. Wie kümmern sich Winzer*innen um Co-Produzenten der nicht-menschlichen Mitwelt? 4. Wie lernen Winzer*innen von nicht-menschlichen Co-Produzenten und wie beeinflussen neue Wissensformen ihre Produktionsweise? Quer dazu liegt ein Spannungsfeld, das allen Dimensionen unterliegt: 5. Wie steht Co-Produktion im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen und ethischen Haltungen, den Umgang mit nicht-menschlicher Mitwelt betreffend? Das Projekt kann einen Beitrag zum Verständnis der Praktiken sozial-ökologischer Transformation leisten. Fallstudie ist das sogenannte „Naturwein“-Segment, das sich als bewusster Gegenentwurf zu konventionellem Weinbau und Pionier bezüglich alternativer, nicht-extraktivistischer und damit zukunftsfähiger Anbausysteme versteht. Empirisch fußt das Projekt auf dem methodologischen Situationismus, unter dem verschiedene qualitative Methoden verbunden werden. Erstens sollen im Rahmen von 25 eintägigen Betriebsaufenthalten - fünf davon in der explorativen Phase - narrative Interviews und multi-species work-alongs mit Winzer*innen geführt werden, die alternative Entwürfe im Verhältnis zur Natur leben wollen. Zweitens soll für sechs Monate als Einzelfallstudie in einem solchen Betrieb mitgearbeitet werden, um Schlüsselsituationen co-produktiver Praktiken zu identifizieren.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung