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„Ich möchte keine Grenzen überschreiten“: Institutionelles Gedächtnis und berufliche Identität in der psychiatrischen Klinik der Charité.
Antragstellerin
Tal Geffen, Ph.D.
Fachliche Zuordnung
Ethnologie und Europäische Ethnologie
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 580277030
Die psychiatrische Abteilung der Charité Mitte stellt einen einzigartigen Fall dar, um das Erbe einer schwierigen Vergangenheit zu verstehen: Ihre Geschichte der Euthanasie, Zwangssterilisation und Vertreibung jüdischer Mitarbeiter während der Nazizeit wird täglich durch prominente „Erinnerungsobjekte” konfrontiert, die in die klinischen Arbeitsbereiche integriert sind. Anders als in einem Museum, schaffen die Ausstellung im Eingangsbereich der Klinik und die Porträts der vertriebenen Ärzte im Auditorium eine ständige, lebendige Auseinandersetzung mit dieser Geschichte. Dieses Projekt geht über die reine historische Dokumentation hinaus und befasst sich mit einer entscheidenden ethnografischen Frage: Wie beeinflusst diese sichtbare Erinnerung an die Komplizenschaft der Institution die berufliche Praxis, ethische Dilemmata und Identitäten der derzeitigen Mitarbeiter? Unter Verwendung ethnografischer Methoden, vor allem halbstrukturierter, ausführlicher Interviews und Beobachtungen am Arbeitsplatz, liefert diese Studie den ersten detaillierten, genauen Einblick in die „gelebte Erfahrung” des institutionellen Gedächtnisses in einer deutschen Klinik. Zu den wichtigsten Beiträgen gehört die Entwicklung eines Mid-Range-Modells, das erklärt, wie historisches Gedächtnis in Emotionen und berufliches Verhalten umgewandelt wird. Dieses Modell hebt die spezifischen Bedingungen hervor, unter denen die Geschichte des Arbeitsplatzes die Praxis, die Identität und die Teamkultur beeinflusst – oder nicht beeinflusst. Dieses Forschungsprojekt schließt die Lücke zwischen offizieller Erinnerung und beruflichem Alltag und liefert wichtige Erkenntnisse zur Integration von Erinnerung und Ethik in der Medizin und anderen Bereichen, die sich mit einer schwierigen Vergangenheit auseinandersetzen.
DFG-Verfahren
Stipendium
Internationaler Bezug
Israel
Gastgeberin
Professorin Vered Vinitzky-Seroussi, Ph.D.
