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Das verschüttete Erbe des Gildensozialismus: Eine transnationale Geschichte der Wirtschaftsdemokratie (GuiSoc)
Antragsteller
Dr. Philipp Reick
Fachliche Zuordnung
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 580381908
GuiSoc untersucht die in der historischen Forschung bislang weitgehend vernachlässigte Geschichte des Gildensozialismus. Unter diesem Begriff versammelten sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Ideen zur Demokratisierung von Arbeit und Wirtschaft. Gemeinsam war diesen Ideen, dass sie eine Kernforderung der europäischen Sozialdemokratie der Zeit, nämlich die schrittweise Überführung von Industrien in öffentliches Eigentum, nicht länger als Garant für eine umfassende Demokratisierung ansahen. Dafür, so die gildensozialistische Theorie, bedürfe es völlig neuer Institutionen, deren Aufgabe es sei, demokratische Kontrolle am Arbeitsplatz und im Betrieb sicherzustellen und gleichzeitig einen Ausgleich zu gewährleisten zwischen dem Berechtigen Interesse der Produzenten an der Gestaltung ihrer Arbeitsbedingungen mitwirken zu können und dem nicht minder berechtigten Interesse der Konsumenten an günstigen und zuverlässig verfügbaren Produkten. Ausgehend von Großbritannien breiteten sich diese Ideen ab den 1910er Jahren aus. Spätestens nach Ende des Ersten Weltkrieges war der Gildensozialismus so zu einem europäischen Phänomen geworden. Diesem weitgehend in Vergessenheit geratenem Phänomen widmet sich GuiSoc. Das Projekt verfolgt dabei drei Ziele. Erstens beabsichtigt GuiSoc, den Gildensozialismus aus seiner bisherigen Festschreibung auf Großbritannien zu lösen und ihn als eine transnationale Ideengeschichte zu erforschen. Zweitens strebt GuiSoc an, den Gildensozialismus als einen frühen Beitrag zu einer Theorie der Wirtschaftsdemokratie zu untersuchen, die sich explizit nicht an Vorstellungen über demokratische Teilhabe als Beitrag zu Produktivitätssteigerung und sozialer Gerechtigkeit orientierte, sondern größere Autonomie am Arbeitsplatz als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden ethisch-pädagogischen Programms verstand, durch das Arbeiterinnen und Arbeitern der Wert wie auch die Funktionsweise demokratischer Entscheidungsprozesse vermittelt würde, was gerade angesichts weit verbreiteter antidemokratischer Tendenzen zur Stärkung demokratischer Herrschaft insgesamt beitragen sollte. Drittens hat sich GuiSoc zum Ziel gesetzt, anhand der analysierten Quellen eine Neubewertung der Rolle vorzunehmen, die der Gildensozialismus in der Geschichte des internationalen Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert gespielt hat. Die Ziele des Projekts spiegeln sich im methodischen Vorgehen wider. Als transnational ausgerichtetes Forschungsprojekt bedient sich GuiSoc weder Einzelfallbetrachtungen noch Vergleichsanalysen sondern erforscht systematisch grenzüberschreitende Debatten und Transfers. Um angesichts der Fülle einschlägiger Quellen eine zeiteffiziente Bearbeitung des Themas zu ermöglichen, konzentriert sich GuiSoc auf den Zeitraum ab den frühen 1910er Jahren bis zum Ende der 1920er in vier Ländern, die als repräsentativ für die sozialdemokratische Ideenwelt (West)Europas angesehen werden können, nämlich Deutschland, Großbritannien, Österreich und Schweden.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
