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Pragmatische Beschränkungen bei der Wahl zwischen Evidentialen und Epistemika

Antragstellerin Dr. Jun Chen
Fachliche Zuordnung Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, Experimentelle Linguistik, Typologie, Außereuropäische Sprachen
Förderung Förderung seit 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 580949893
 
Bei der Äußerung eines Satzes kann eine Sprecherin etwas behaupten, ohne sich vollständig dazu zu verpflichten. Dies geschieht, wenn der propositionale Gehalt durch ein Evidential oder einen epistemischen Ausdruck markiert wird. Ein Evidentialmarker (z. B. scheint zu) spezifiziert den wahrnehmungs-kognitiven Zugang zur Information (Aikhenvald 2004). Ein epistemisches Modal (z. B. muss) hingegen wird verwendet, um eine subjektive Einschätzung des Wahrheitsgehalts abzugeben (Kratzer 1981). Beide Ausdrücke dienen häufig dazu, die soziale Verantwortung für eine Aussage abzuschwächen: Durch Verweis auf eine externe Quelle oder auf das Vorliegen epistemischer Unsicherheit wird die Sprecherin im Falle einer Falschaussage weniger verantwortlich gemacht (Valentine 2011; Krifka 2017, 2024). In beiden Fällen kann auf dieselbe Evidenz zurückgegriffen werden (Faller 2002; De Haan 2008), z. B. wenn die Sprecherin sieht, dass bei John das Licht brennt. Daraus ergeben sich zwei mögliche Aussagen: John scheint zuhause zu sein/John muss zu Hause sein. Geringere Zuverlässigkeit der Evidenz führt zu entsprechend geringerer Sicherheit. Daraus ergibt sich die Frage: Unter welchen Bedingungen stellt eine Sprecherin ihre epistemische (Un)Sicherheit in den Vordergrund und wann die Art der Evidenz, also die Wahl zwischen epistemischer und evidenzieller Markierung? Das Projekt will die pragmatischen Bedingungen bestimmen, die diese Entscheidung steuern. Die Forschung hat sich bereits intensiv mit den Kategorien der Epistemizität und Evidentialität befasst. Dennoch fehlt eine pragmatische Theorie, die erklärt, wann Sprecher*innen ein Evidential statt eines epistemischen Ausdrucks wählen – und umgekehrt. Der Fokus lag bislang auf ihren (Un-)Ähnlichkeiten hinsichtlich wahrheitskonditionaler Bedeutung und Struktur. Wenige Arbeiten berücksichtigen pragmatische Aspekte, und diese untersuchen meist die gemeinsame Funktion der propositionalen Qualifizierung oder Variation innerhalb einer Domäne, nicht jedoch die Bedingungen der Wahl zwischen beiden Kategorien. Das geplante Projekt setzt genau hier an und untersucht die strategische Positionierung von Information: Behauptet die Sprecherin epistemische Autorität und schließt alternative Interpretationen aus (epistemische Markierung), oder verschiebt sie das Urteil und lädt zu Inferenzen ein (evidenzielle Markierung)? Um dies empirisch zu klären, sind kontrollierte Produktions- und Verstehensexperimente geplant, die zentrale Variablen isolieren, welche den Interpretationsspielraum beider Kategorien begrenzen. So soll ein differenziertes Verständnis ihrer Verwendung gewonnen werden, dass zugleich Aufschluss über sprecherorientierte Bedeutung und deren Verbindung zu Sprechakten, Intersubjektivität und (Meta-)Kommunikation zu geben verspricht.
DFG-Verfahren Stelle
 
 

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